Hotpants-Erlaß

Kleiderstreit im Sommerloch

Endlich ein Sommerloch-Thema, bei dem alle nach Herzenslust draufschlagen können. Gleich mehrere Schulleiter in Baden-Württemberg haben die Hitzewelle zum Anlaß genommen, ihre Schüler zu angemessener Kleidung anzuhalten: Wer in zu aufreizender Aufmachung – „Hotpants“, zu kurze Hosen, bauchfreie Hemdchen, taschentuchkurze Miniröcke – in die Schule kommt, erhält ein T-Shirt in Übergröße zum Bedecken, des Schulfriedens willen.

Sexismus, zetern die Feministen: Wegen der schmutzigen Blicke und Gedanken der Jungs und Männer müßten die armen Mädchen schwitzen. Freiheitsberaubung, schimpfen die Liberalen: Soll sich doch jeder so anziehen, wie er will. Na endlich, grummeln Ästheten und Kulturkonservative: Muß ja schließlich nicht sein, daß die jungen Leute in der Schule rumlaufen, als würden sie in der Strandbar oder auf der Reeperbahn arbeiten. Kein Provinzblatt, das nicht seinen Senf dazugibt, kein Mitteilungswütiger mit Tagesfreizeit, der nicht die sozialen Medien mit seinen Kommentaren zum Thema flutet.

Für Erziehungsfragen sind eigentlich die Eltern zuständig

In dem Fall muß ja auch keiner seine Zunge hüten. Als vor einigen Wochen noch zwei Schulleiter in Bayern und Brandenburg mit Blick auf ihre für Asyl-Einquartierungen requirierten Turnhallen ihre Schülerinnen zu züchtiger Bekleidung aufforderten, um die meist moslimischen Willkommenskulturberechtigten nicht zu provozieren, reagierte man noch zurückhaltender. Eltern, die sich aufregten, versäumten nicht zu betonen, daß sie selbstverständlich nichts gegen Asylbewerber hätten, und Zeitungskommentare waren voll von Verständnis für die kultursensiblen Rektoren.

Da ging’s ja auch nur darum, daß Einheimische sich gefälligst den Gepflogenheiten von Immigranten aus anderen Kulturkreisen anzupassen haben, das geht schon in Ordnung. Wenn man die selbstverwirklichungsfeindlichen Sexisten und Unterdrücker dagegen unter den eigenen Landsleuten wittern kann, ist jede Polemik erlaubt.

Wobei: Kindern und jungen Leuten vorzuschreiben, was sie anzuziehen haben, sollte tatsächlich nicht Aufgabe einer Schulleitung sein. Für solche Erziehungsfragen sind eigentlich die Eltern zuständig: Kleineren Kindern morgens die richtige Kleidung rauslegen, Heranwachsende dafür sensibilisieren, bei der Auswahl der Oberbekleidung Rücksicht auf die Mitmenschen zu nehmen. Nicht jeden Körperteil, den man selbst gern zur Schau stellt, wollen andere wirklich sehen. Das gilt, nebenbei bemerkt, für Männlein und Weiblein gleichermaßen.

Die Obrigkeit solls richten

Im Land der epidemischen kurzen Hosen und Badeschlappen fehlt allerdings auch vielen Erziehungsberechtigten schon das nötige Gespür dafür, daß Kleidungswahl nicht nur eine Frage des individuellen Wohlbefindens, sondern auch von Höflichkeit und Respekt ist. Die Bekleidungserlasse der gescholtenen Schulleiter sind damit auch der mehr oder weniger hilflose Versuch, eine Verantwortungslücke zu füllen. So wie die weithin bejubelte Schnapsidee, ein „Schulfach Alltagskunde“ zu schaffen: Die Obrigkeit soll richten, wofür der einzelne sich nicht mehr zuständig fühlt.

Ach, übrigens: Mädchen und junge Frauen in engbandagierte Kopftücher, Schleier, sackartige Umhänge und unförmige Mäntel zu verpacken, ist nicht nur eine ästhetische Beleidigung für das mitteleuropäische Auge, sondern auch eine menschenunwürdige Entstellung, die besonders bei diesen Temperaturen an Mißhandlung grenzt. Wäre auch mal ein Thema für schulische Kleidererlasse und Befreiungsappelle, oder?

Hotpants: Streit um angemessene Kleidung an Schulen Foto: picture alliance/dpa

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