Propst Gerald Goesche
Propst Gerald Goesche: „Es verwundert mich nicht nur, ich bin fassungslos“ Foto: picture alliance/Paul Zinken/dpa
Katholischer Rebell kämpft für öffentliche Gottesdienste

„Ich wünsche mir Hirten in der Kirche, keine Funktionäre“

Propst Gerald Goesche geriet in den vergangenen Tagen in den Fokus der Öffentlichkeit, weil er vor Gericht gegen das Verbot öffentlicher Gottesdienste wegen des Coronavirus klagt. Der Geistliche steht dem katholischen „Institut Sankt Philipp Neri“ in Berlin vor. Dieses beschreibt sich als „katholische Oase“ in Berlin, und zwar nicht nur irgendwo in Berlin, sondern im Wedding, unweit des in der Stadt berüchtigten Mauerparks. Das 2004 gegründete Institut untersteht als Gesellschaft päpstlichen Rechts direkt Rom, erhält keine Steuergelder und finanziert sich rein durch Spenden. In der hauseigenen Kirche Sankt Afra feiert eine stetig wachsende Gemeinde in traditioneller außerordentlicher Form die heilige Messe.

Die katholische Wochenzeitung Die Tagespost schrieb über Goesche, er lasse sich „auf das Leben in einer Stadt ein, die dem Christentum zugunsten des Zeitgeistes abgeschworen hat“ und im einwanderergeprägten Wedding sei die Soutane sein Ausweis als „Experte für Religionsfragen“, schließlich werde er auch von Moslems angesprochen. Kurz vor dem höchsten christlichen Feiertag erklärt Goesche im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT, was ihn antreibt, warum er fassungslos ist wegen des Verhaltens der Amtskirchen und was er Gläubigen rät.

Sie klagen vor dem Oberlandesgericht, damit wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden dürfen. Muß das denn sein, kann man nicht mal zu Hause beten?

Goesche: Das eigentliche Zuhause des Christen, nachdem er sich sehnt, ist der Himmel. Dem Himmel am Nahesten kommen wir in dieser von Sünde und Tod verletzten Welt in der Liturgie, dem öffentlichen Gottesdienst der Kirche. Deswegen ist das vorläufige Zuhause des Christen, ganz besonders zu Ostern, der Gottesdienst der Kirche. Diesen Gottesdienst sind wir im Übrigen nicht nur dem Dreifaltigen Gott, sondern auch unseren Mitmenschen – ob gläubig oder nicht – schuldig. Gott zu lieben und zu ehren, ist das erste Gebot. Und das Zweite ist ihm gleich, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Der öffentliche Kult, vor allem an Ostern ist Gottes- und Nächstenliebe.

Hat das etwas mit der traditionellen Messe zu tun, daß Sie da so streng sind?

Goesche: Ich finde nicht, daß ich streng bin. Dazu fehlt mir übrigens auch dieser pädagogische Eros. Ich versuche aber, klar zu sein. Und tatsächlich: Es gibt vielleicht nichts Klareres als die überlieferte römische Liturgie und im Übrigen die anderen alten Liturgien.

Wundert es Sie, daß die beiden großen deutschen Amtskirchen die Verordnungen des Staates einfach so hinnehmen?

Goesche: Es verwundert mich nicht nur, ich bin fassungslos. Als in Mailand im 16. Jahrhundert die Pest ausbrach, hat der dortige Erzbischof Karl Borromäus „Open-Air-Messen“ organisiert. Ich verstehe, wenn sich die Kirchenoberen Sorge um die Gesundheit älterer Gläubiger machen. Bei mir wohnt meine Mutter, die 83 Jahre alt ist, und ich versuche auch alles, um sie zu schützen. Deswegen ist es sicher richtig, die Gläubigen von der Sonntagspflicht zu befreien. Aber die Liturgie ist immer analog, und deswegen ist es eigentlich besser, wenn der Enkel seiner Oma eine Osterkerze aus der Osternacht bringen könnte, als sich auf Messen im Livestream zurückzuziehen.

Wünschen Sie sich mehr Rebellentum in den Kirchen?

Goesche: Ich wünsche mir Hirten in der Kirche, keine Funktionäre. Das Rot der Kardinalsgewänder soll an das Blut der Märtyrer erinnern, weil sie sich quasi „bis aufs Blut“ für ihr Bekenntnis zu Christus eingesetzt haben. Das wäre ja bis jetzt noch nicht einmal gefordert.

Sankt Afra: Heilige Messe in der außerordentlichen Form Foto: imago images / Cathrin Bach

Es heißt in diesen Tag oft, die Corona-Krise würde das „Leben danach verändern“. Glauben Sie, daß sich auch das kirchliche Leben ändern wird?

Goesche: Ich hoffe, daß wir nach dieser Krise aufwachen werden und feststellen, so ging es nicht. Die Theologie hat im vergangenen halben Jahrhundert eine sogenannte „anthropologischen Wende“ vollzogen.

Das bedeutet?

Goesche: Ganz kurz gesagt: Seitdem steht eher der Mensch als Gott im Mittelpunkt. In der Corona-Krise erleben wir den GAU dieser theologischen Richtung. Wir kommen nur weiter, wenn wir uns dem auferstandenen Herrn Jesus Christus zuwenden, der – wie es auf der Osterkerze steht – das Alpha und Omega, der Beginn und das Ziel jeden Handelns der Kirche ist. Sonst wird auch ihr soziales Tun schal und schließlich sinnleer.

Für die meisten Gläubigen ist Ostern in diesem Jahr anders. Welchen Rat geben Sie ihnen in diesen ungewissen Zeiten mit auf den Weg?

Goesche: Ostern ist in diesem Jahr anders als seit 2.000 Jahren gewohnt. Aber Jesus Christus ist von den Toten auferstanden, und wir feiern es so gut wie möglich.  Lassen Sie uns gerade jetzt unsere Heime österlich schmücken, nicht nur mit Ostereiern und -hasen, sondern mit Blumen und vor allem mit einer Osterkerze. Falls Sie das Glück haben, in der Nähe einer geöffneten Kirche zu wohnen, besuchen Sie sie, um zu beten und nach Möglichkeit auch zu beichten und die Heilige Kommunion zu empfangen.

Auch die Speisenweihe kann eigentlich kein Priester verweigern. All das ersetzt natürlich die feierlichen Osterliturgien nicht, aber es ist eine bescheidene Möglichkeit, dieses höchste Fest der Christenheit zu begehen und die bekannten Osterlieder, vor allem ein kräftiges Allelujah, zu singen.

Propst Gerald Goesche: „Es verwundert mich nicht nur, ich bin fassungslos“ Foto: picture alliance/Paul Zinken/dpa

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