Guidos Garde

Diskret empfehlen sie sich für die Zeit der Rückkehr ihrer Partei an die Macht. Die „94er Generation der FDP“ nennen sich jene liberalen Jungspunde, die jetzt mit einem Buch – unter dem allerdings betulichen Titel „Freiheit: gefühlt, gedacht, gelebt“ (www.freiheit-gefuehlt-gedacht-gelebt.de) – ihren Anspruch auf die Zukunft der Partei öffentlich gemacht haben. Dabei sind die Jungen Zahmen bemüht, den noch unter dem Steuersenkungs-Image leidenden Liberalen einen neuen, menschelnden Anstrich zu verpassen.

Gleichwohl gibt man sich mitunter martialisch, als „Prätorianer Westerwelles“ etwa bezeichnet Philipp Rösler die Truppe. Neben NRW-Generalsekretär Christian Lindner und der Europa-Abgeordneten Silvana Koch-Mehrin ist er das Aushängeschild der 94er. Der Mitherausgeber des Buches ist 36 Lenze jung und protokollarisch schon der Ranghöchste. Seit gut zwei Monaten steht Rösler nicht nur dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium vor, sondern bekleidet auch den Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten.

Formal einigt die 94er das Eintrittsdatum in den blau-gelben Salon, der bis Mitte der neunziger Jahre vollzogen wurde, zu einer für die Partei eher düsteren Zeit. „Liberalismus“ am Ende der Kohl-Ära hieß in erster Linie Abschied von der Macht; für junge Talente allerdings die ideale Voraussetzung zur Ochsentour im Schnelldurchlauf: 1996, zwei Jahre nach seinem Parteieintritt, stand Rösler schon an der Spitze der Jungliberalen im Land, 2000 fungierte er bereits als Generalsekretär der Niedersachsen-FDP, 2002 war er als Fraktionschef im Landtag angekommen.

Nach außen macht der Freidemokrat mit dem deutschen Namen und dem asiatischen Aussehen (www.philipp-roesler.de), der 1973 im Alter von neun Monaten aus einem vietnamesischen Heim adoptiert wurde, kein Aufhebens um die Besonderheit seiner Biographie; er nutzt jedoch kokett die Eigenart der Journalisten hierzulande, beim Wort „Migrationshintergrund“ in Beißhemmung zu verfallen. Durchgereicht durch sämtliche Talkshows wirkt Rösler mittlerweile wie ein Polit-Monchichi, das man vielleicht nicht unbedingt wählen, auf jeden Fall aber gernhaben muß.

Dabei erscheint dem Typ Cicero-Abonnent Rösler als die Inkarnation seines Wunschbildes von der gelungenen bürgerlichen Trendwende, nach all den Jahrzehnten linker Irrungen. Und auch Konservative zeigen sich angesichts seiner Vita beeindruckt: gediegen, gebildet, gedient – so kommt der promovierte Mediziner mit Offizierspatent daher; außerdem ist das liberale Präsidiumsmitglied verheiratet, zweifacher Vater und bekennend katholisch. Wenn Rösler jedoch nun seine Gedanken über „Solidarität“ als „urliberalen“ Wert publiziert, denkt er dabei vor allem an jene Wähler, die einst mit den Grünen fremdgingen. Sollten nach der Bundestagswahl Farbenspiele à la „Ampel“ oder „Jamaika“ naheliegen, wird im Personalkarussell der Name Philipp Rösler ganz gewiß fallen.

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