Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Stachel im Fleisch

Dankbarkeit ist keine Kategorie der Politik; Liebe auch nicht. Aber wenn im bayerischen Landtagswahlkampf die Rede auf Hubert Aiwanger — Vorsitzender und Spitzenkandidat der Freien Wähler — kommt, werden die Granden der bisher alleinregierenden CSU eigentümlich emotional: Verschmähte Liebe und Undankbarkeit lasten sie — freilich uneingestandenermaßen — dem 37jährigen an, der auf dem besten Wege ist, seine Partei der Parteilosen in zwei Wochen ins Münchner Maximilianeum zu führen. Fleisch von ihrem Fleische ist Aiwanger für die Christsozialen; einer, den man doch einst als hoffnungsvolles Nachwuchstalent gefördert hatte: Die parteinahe Hanns-Seidel-Stiftung unterstützte ihn mit einem Stipendium beim Studium an der renommierten Fachhochschule Weihenstephan, wo der gelernte Landwirt sein Diplom als Agrar­ingenieur ablegte. Erfolgreich, jung und heimatverwurzelt, so kann der bekennende Jäger und Jankerträger beschrieben werden, und er verfügt damit über gute Voraussetzungen für eine Karriere im schwarzen Imperium. Doch die Verbundenheit reichte bei Aiwanger nur für die Mitgliedschaft im Club der Altstipendiaten; statt die Ochsentour durch die Parteiinstanzen im weiß-blauen Hegemon aufsichzunehmen, versucht der Niederbayer jetzt, dessen Alleinherrschaft schnellstmöglich zu beenden: weil, so Aiwanger,  die absolute Mehrheit im Landtag dazu geführt habe, daß die Christsozialen nicht mehr das Gespräch mit der Basis suchen, zu abgehoben seien und sich „eher verbarrikadieren und vor dem Volk verstecken“. Mit seiner Bodenständigkeit als Landwirt, der in Rottenburg bei Landshut gemeinsam mit den Eltern einen mittelständischen Milchvieh- und Schweinezucht-Betrieb bewirtschaftet, spricht er genau jene ländliche, bürgerliche Klientel an, die Huber, Beckstein und Co. gern als Stammwählerschaft beanspruchen. Gerade weil Aiwanger über konservativen Stallgeruch verfügt, hemdsärmelig im Bierzelt verbal auszuteilen vermag, konnte er bei den bisweilen als „CSU-light“ verspotteten Freien reüssieren. Bereits vier Jahre nach seinem Eintritt wurde der ledige Jungpolitiker 2006 zum Vorsitzenden der Vereinigung gewählt, bei den Kommunalwahlen in diesem Frühjahr errang er außerdem Mandate als Stadt- sowie Kreisrat. Während man 2003 mit vier Prozent noch abgeschlagen blieb, lagen Aiwangers Freie zuletzt bei rund sieben Prozent. Wie immer in solchen Fällen zieht der Abtrünnige mehr Haß auf sich als der Gegner im anderen Lager: „Populismus“ ist da noch der harmloseste Vorwurf. Die Freien Wähler seien, so CSU-Chef Erwin Huber, bloß „Trittbrettfahrer unserer Politik“. Vielleicht sind sie nach dem 28. September sogar Beifahrer, wenn der CSU die absolute Mehrheit entschwindet und ein bürgerlicher Koalitionspartner benötigt wird. Bei allem Wahlkampfgetöse, jenseits von Liebe und Haß, hat Hubert Aiwanger diese Option nie ausgeschlossen.

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