„Total, aber nicht totalitär“

Herr Professor Nagel, was hat es wirklich auf sich mit dem Bilderverbot für den Propheten Mohammed im Islam? Nagel: Der Frevel der Karikaturen ist ein doppelter. Nicht nur, daß sie Mohammed abbilden, sie verspotten ihn auch noch. Wir Europäer machen uns keine Vorstellung davon, inwieweit der Islam ein Glaube an Mohammed ist. Er ist dem Islam nicht nur ein Prophet, er ist viel mehr als das: Er ist die wichtigste Gegebenheit, die Allah überhaupt geschaffen hat! Für uns allerdings ist befremdlich, daß sich dies nicht darin äußert, daß er über die Dinge der Welt erhaben ist, sondern im Gegenteil: Mohammed ist für den Islam Gewährsmann auch für das Alltägliche – sogar für politische Intentionen. Dennoch gibt es auch in der islamischen Welt Mohammed-Darstellungen. Nagel: Ja, etwa in mittelalterlichen Handschriften. Diese Abbildungen zeigen ihn dann allerdings zum Beispiel umgeben von einem Flammenkreis oder mit weiß gelassenem Gesicht. Denn in Mohammed wird im Diesseits das unmittelbare göttliche Bestimmen manifest. Allah mußte diese „Gegebenheit“ aber mit einer menschlichen Hülle verdecken, weil der Mensch seine unmittelbare Präsenz nicht aushalten kann. Der Protest der muslimischen Welt gilt vielen Europäern als unangemessen. Nagel: Die Proteste werden von radikalen Kräften angeheizt und zum „Krieg gegen den Westen“ stilisiert. Gut, aber was ist denn ein „angemessener Protest“ angesichts der gezielten Verhöhnung ihres Absoluten? Widerspricht die Vorstellung einer rational dosierten Empörung nicht dem Wesen eines Absolutums? Nagel: In Deutschland kann man gegen denjenigen klagen, der durch die Verunglimpfung der Religion den Frieden stört. Vermutlich gibt es in Dänemark ähnliche Bestimmungen. Das Absolutum des Westens stellt der Holocaust dar. Laut Äußerungen etwa Martin Walsers, Michael Kleebergs, Sonja Margolinas, Peter Eisenmans oder Norman Finkielsteins verhalten wir uns diesbezüglich ganz und gar nicht so rational dosiert, wie wir das nun von den Moslems erwarten. Nagel: Der Vergleich ist unglücklich, da das Absolutum des Holocaust und das Allahs völlig verschiedenen Charakter haben. Aber es ist klar, was Sie damit deutlich machen wollen. Wie stark behindert der Verlust des eigenen religiösen Absolutums das Verstehen des Islam? Nagel: Obgleich die christliche Gotteserfahrung eine gänzlich andere ist als die des Islam, stellt dies in der Tat ein großes Hindernis dar: Daß die Rolle des Menschen in der Welt von einem transzendenten Standpunkt aus entwickelt werden kann, ist uns Europäern fast nicht mehr verständlich. Denn für unsere Kirchen muß man im Grunde weithin einen beinahe völligen Verlust ihrer religiösen Position konstatieren. Es ist nachvollziehbar, daß gläubige Christen fürchten, bei der Konfrontation „Laizismus gegen den Islam“ mit unter die Räder zu kommen. Es geht nicht nur um die Konsequenzen für das Christentum, sondern auch um Respekt gegenüber einer Religion. Oder handelt es sich beim Islam vielmehr, wie Kritiker sagen, um eine „Ideologie“? Nagel: Der Islam ist sicher keine Ideologie, sondern in der Tat eine Religion. Im Zentrum steht eine aufrichtig Gotteserfahrung. Für uns schwer verständlich ist der Islam jedoch, weil er sich ganz aus dem Vollzug der Riten versteht. Diese dienen dazu, alles Trachten auf Allah, den Schöpfern, auszurichten, und von diesem Blickwinkel aus wird die ganze Welt gedeutet und ihr ein Schema unterlegt, das den Gläubigen immer wieder auf diesen Punkt – die Hingewandtheit zu Allah – zurückführt. Aus dieser Struktur resultiert ein totaler Regelungsanspruch gegenüber dem Einzelnen. I st der Islam also „totalitär“, wie der Orientalist Hans-Peter Raddatz meint? Nagel: Total ja, denn der Gläubige steht unter dem Regelungsanspruch von Scharia und Riten, aber nicht „totalitär“, da er auch als Einzelwesen vor Gott existiert. Das Problem ist, daß es der islamischen Kultur nicht gelungen ist, vom allumfassenden System der Scharia wegzukommen. Allerdings hat sich die Dominanz der Scharia erst im 11. Jahrhundert herausgebildet. Bis dahin gab es Schulen, die durchaus betont haben, daß auch die innerweltlichen Verhältnisse und Interessen zum Beispiel bei der Findung von Gesetzen zu beachten sind. Ein anderer Vorwurf lautet, Islam und Gewalt lassen sich nicht trennen. Sie sei inhärent, da Mohammed selbst in mehrfacher Hinsicht – und nach unserer Auffassung inakzeptabel – brutal war. Nagel: Es ist im Islam nicht festgelegt, daß das gewalttätige Verhalten Mohammeds eine übergeschichtliche Wahrheit ist. Sobald man die Überlieferung bezüglich Mohammeds wieder für eine rationale historisierende Deutung öffnet, kann man zugeben, daß seine Gewalttaten Ausfluß einer inzwischen überwundenen Moral waren. Es genügt nicht, einige friedfertige Aussprüche Mohammeds zu zitieren, um daraus eine allgemeine Friedfertigkeit des Islams abzuleiten. Das wäre eine Täuschung, solange man nicht bereit ist zuzugeben, daß Koran und Überlieferung, die aus dem 7. Jahrhundert stammen, in ihrer Gesamtheit nicht mehr als Richtschnur des Handelns im Jahr 2006 gelten können. Die Anhänger der „Multikultur“-These schwärmen von einem adaptierten „Euro-Islam“, die Anhänger des „Kampf der Kulturen“-Konzepts verlangen vom Islam, sich gefälligst der Aufklärung zu unterwerfen. Wie realistisch sind solche Erwartungen? Nagel: Ziemlich unrealistisch, zum Beispiel ist die von uns immer wieder erhobene Forderung, die islamische Welt möge sich vom Fundamentalismus distanzieren, unsinnig. Diese Trennung in „gemäßigt“ und „fundamentalistisch“ ist eine westliche Projektion. Das beginnt schon damit, daß das Wort „Fundamentalist“ im arabischen Wortschatz keine Entsprechung hat und lediglich mittels Lehnübersetzung aus dem europäischen Sprachraum verdeutlicht werden kann. Es fehlt dem Islam einfach die Trennschärfe, einen gemäßigten von einem fundamentalistischen Islam zu unterscheiden. Wir täten gut daran, zu lernen, mit diesem Faktum umzugehen, da wir sonst ständig zwischen Phantasien, mal eines „friedfertigen“, mal eines „faschistoiden“ Islam hin- und hertaumeln. Was natürlich möglich ist, ist zwischen verschiedenen Gruppen zu unterscheiden. Theologisch aber ist der Islam nicht mit der Dichotomie „radikal“ und „gemäßigt“ in den Griff zu bekommen. Vorstellbar ist es grundsätzlich, daß ein aufgeklärter Euro-Islam entsteht. Aber das kann nur Ergebnis einer historischen Entwicklung, nicht eines Social Engineering sein, wie sich das die Vertreter des Multikulturalismus ja vorstellen. Solche Experimente sind, wie wir derzeit in Europa beobachten können, extrem gefährlich. Strebt der Islam nach der Herrschaft über Europa? Nagel: Der Islam kennt sowohl die Betonung der Gottesfürchtigkeit des Einzelnen wie auch den Anspruch, die ganze Welt der Lehre des Korans zu unterwerfen. Weil der Islam beides sein kann, ist es für islamische Gelehrte so schwierig, gegen die Radikalen effektiv zu argumentieren. Verrät also, wer nun im Streit um die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen nicht „unbedingt an der Seite der Dänen steht,“ Europa an den Islam? Nagel: Vordergründig ja, aber der Konflikt ist wesentlich komplexer, als man mit dem simplen Schema „Pressefreiheit contra religiöses Empfinden“ glauben machen will. Natürlich geht es auch um Pressefreiheit und religiöses Empfinden, aber die ungeheure Wucht der Ausschreitungen in den islamischen Ländern macht vor allem deutlich, unter welchem Druck von seiten islamistischer Kreise diese Länder stehen. Sie irren, wenn Sie zum Beispiel die scharfen diplomatischen Reaktionen zahlreicher muslimischer Staaten als freiwilligen Schulterschluß mit den radikalen Anheizern auf der Straße verstehen. Diese Staaten müssen sich so verhalten, um gegenüber den islamistischen Strömungen zu Hause politisch den Kopf über Wasser zu behalten. Dies als eine geschlossene Front zu deuten, bedeutet auf das Spiel der Extremisten hereinzufallen. Was empfehlen Sie? Nagel: Die Rezepte aus dem Repertoire der „multikulturellen Gesellschaft“ halte ich für ebenso gefährlich, wie nun die Aufnahme des „Kampfes der Kulturen“ zu fordern. Beide Vorstellungen gehen im Grunde davon aus, daß 1990 tatsächlich so etwas wie das „Ende der Geschichte“ eingetreten sei: Daß nun nämlich die weltweite Ausbreitung des westlich geprägten Einheitsmenschen bevorstehe. Die einen haben Samuel Huntingtons These, der damals der große Störenfried auf der Siegesparty der neunziger Jahre war, vom Clash of Civilizations – also von dem natürlichen „Zerwürfnis der Zivilisationen“ – nicht verstanden, die anderen haben sie, indem sie sie als Kriegserklärung propagieren, mißverstanden. Ich kann nur hoffen, daß die gegenwärtige Krise dazu führt, sowohl unsere bisherige Naivität als auch unsere Hybris gegenüber dem Islam abzulegen. Was fordern Sie konkret? Nagel: Wieder ein Bewußtsein dafür zu entwickeln, daß die europäischen Werte des Bewahrens wert sind und nicht einer multikulturellen Vision geopfert werden dürfen. Es aber ebenso unsinnig ist, den Anspruch zu erheben, der Islam müsse diese Werte übernehmen. Unser Problem ist also nicht der Islam an sich, sondern der Islam in Europa. Oder mit anderen Worten: die Zuwanderung. Nagel: Nicht die Zuwanderung einzelner moslemischer Menschen, aber die eines ganzen Kulturkreises. Politisch verantwortlich für diese Zuwanderung ist das Establishment, das jetzt empört Solidarität im Namen der Pressefreiheit einfordert. Dabei hat es sich selbst in der Vergangenheit nicht im geringsten solidarisch gezeigt, wenn es nicht um seine intellektuellen Interessen, sondern nur um die des „kleinen Mannes“ ging, der sich schließlich teilweise in fast völlig islamisierten Stadtvierteln wiederfand. Dessen Protest hat es zumeist als „ausländerfeindlich“ denunziert. Nagel: Das ist kein unberechtigter Vorwurf gegen das Establishment. Aber ich würde eher Unbedachtheit denn bösen Willen als die Ursache für dieses Verhalten vermuten. Es stimmt aber wohl, es wirft kein gutes Licht auf Journalisten, Politiker und Intellektuelle, daß sie nun erst, da sie seit einiger Zeit selbst von den Konsequenzen des Islam in Europa betroffen sind, dazu bereit sind, sich langsam von ihren naiven Positionen zu verabschieden. Lange schon hätten wir deutlich machen müssen, daß es keine Diskussion darüber geben kann, daß im öffentlichen Raum unsere Maßstäbe vor denen des Islam rangieren. Sie sprechen von einem klaren Bekenntnis zur Leitkultur? Nagel: Ja, denn alles andere würde bedeuten, daß wir uns langfristig selbst aufgeben. Was beinhaltet diese? Nagel: Die deutsche Sprache, die Freiheitlich-demokratische Grundordnung und Kenntnisse über die Geschichte, wie sich diese entwickelt hat. Was ist mit dem, was man früher das „Sittengesetz“ genannt hat? – Ein Wort, das heute niemand mehr in den Mund zu nehmen wagt. Nagel: Vieles von dem, was traditionell das Sittengesetz beschreibt – und was natürlich auch heute noch existiert, auch wenn wir nicht wagen es auszusprechen -, subsumieren wir heute politisch korrekt unter „freiheitlich-demokratische Grundordnung“. So wird zum Beispiel die Tatsache, daß unser Sittengesetz erwartet, daß Männer nur eine Frau nehmen und diese Ehe freiwillig einzugehen ist, als Ausfluß der im Grundgesetz verankerten Gleichberechtigung der Frau präsentiert. Dieses schamvolle Umdeuten unseres Sittengesetzes zu einer Verfassungsfrage tut aber weder uns noch den Einwanderern gut, denen unser abstraktes und durch die Political Correctness verstelltes System unzugänglich bleibt. Sie fordern außerdem einen selbstbewußten Patriotismus. Nagel: Es ist unerläßlich, daß das Herz des Einwanderers schließlich auch für Deutschland schlägt. Das reicht vom Jubel für unsere Nationalelf in diesem Fußballsommer bis zu einem Geschichtsverständis, in dem er sich als ein Deutscher wiederfindet. Sie betonen jedoch: Integration ist nicht Assimilation. Nagel: Ja, denn es muß im Bereich des persönlichen Privaten ein Freiraum bleiben, der es ermöglicht, die islamischen Riten zu leben. Weder ist allerdings in der Politik ein ernsthaftes Anzeichen für einen solchen radikalen Kurswechsel zu sehen, noch ist angesichts von Zahl und Qualität der Einwanderung noch mit der Bereitschaft der moslemischen Einwanderer zur Integration zu rechnen. Nagel: Um so wichtiger ist, daß wir uns nicht von dem Gerede eines globalen Kampfes der Kulturen gegen den Islam an sich von unseren eigentlichen Problemen hier in Europa ablenken lassen. Prof. Dr. Tilman Nagel ist Arabist und Islamwissenschaftler an der Universität Göttingen. Zuvor lehrte er in Bonn, Sanaa im Jemen und Kairo. Er ist Verfasser wichtiger Standardwerke zum Thema Islam. Geboren wurde er 1942 in Cottbus. Wichtigste Veröffentlichungen: „Der Koran. Einführung, Texte, Erläuterungen“ (C.H. Beck, 1983/2002), „Festung des Glaubens. Triumph und Scheitern des islamischen Rationalismus im 11. Jahrhundert“ (C.H. Beck, 1988), „Geschichte der islamischen Theologie“ (C.H. Beck, 1994), „Das islamische Recht“ (WVA-Verlag, 2001) Foto: privat Protestierende Muslime am Montag in Jakarta/Indonesien: „Wir machen uns keine Vorstellung davon, inwieweit der Islam ein Glaube an Mohammed ist … (wir sollten) unsere Hybris, aber auch unsere Naivität gegenüber dem Islam ablegen“ foto: Picture-alliance / dpa weitere Interview-Partner der JF

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