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„Es war Mord!“

Herr Baentsch, in der Nacht zum 11. Oktober 1987 beging Uwe Barschel in Genf bekanntlich Selbstmord. Sie aber nennen Ihr Buch: „Der Doppelmord an Uwe Barschel“ Baentsch: Die Darstellung als Selbstmord wird bis heute vertreten, dient aber nur der Tarnung. In Wahrheit hat das Geschehen einen ganz anderen Verlauf genommen. Nämlich? Baentsch: Die „offizielle“ Interpretation behauptet, Barschel habe sich unter der Last seiner Schuld in Genf selbst gerichtet. Tatsächlich aber ist er Opfer eines Mordkomplotts geworden, das diese Legende brauchte, um sich dahinter zu verstecken. Warum „Doppelmord“? Baentsch: Einmal ist da der Mord an Barschels physischer Person; und dann ist da der Rufmord an seiner gesellschaftlichen und politischen Person, deren Sinnbild die sogenannte „Ehrenwort“-Pressekonferenz vom 18. September 1987 in Kiel ist. Gemeinhin gilt sie heute als Dokument der skrupellosen Verlogenheit eines maßlos ehrgeizigen Politikers. Sie dagegen meinen, Barschel habe ein aufrichtiges Ehrenwort gegeben. Baentsch: Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Barschel hat sich nicht umgebracht, und er hat auch nicht seinen damaligen SPD-Herausforderer Björn Engholm bespitzeln und verunglimpfen lassen. Barschel ist nicht Täter, sondern Opfer. Nun gibt es aber bekanntlich den Zeugen Reiner Pfeiffer, den früheren Medienreferenten Barschels, der im sogenannten „Waterkantgate“-Untersuchungsausschuß 1987/88 angab, die Bespitzelung und Verleumdung Engholms im Auftrag Barschels betrieben zu haben. Baentsch: Daß Pfeiffer ein notorischer Lügner ist, haben die Gerichte hinreichend bestätigt. Aber leider haben die Medien kaum darüber berichtet, daß ein zweiter parlamentarischer Untersuchungsausschuß von 1993 bis 1995 in der sogenannten „Schubladen-Affäre“ bewiesen hat: Erstens, Barschel war definitv nicht der Auftraggeber des dubiosen Herrn Pfeiffer; zweitens, dieser Pfeiffer hatte Engholms SPD aktiv mit Wahlkampf-Munition beliefert und dafür später vom Landesvorsitzenden der Partei zweimal 25.000 Mark erhalten, die der gute Sozi privat in der Schublade seines Schreibtisches angespart haben wollte. Engholm, der jahrelang gelogen hatte, mußte als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, als Bundesvorsitzender der SPD und als deren Kanzlerkandidat zurücktreten. Immerhin konnte er sich mit einer guten Pension trösten, und von den Medien wurde er mit großer Milde bedacht. „Staatsanwalt: ‚Anhaltspunkte für ein Kapitalverbrechen'“ Das alles sind die längst bekannten Fakten. Könnte man Ihnen nicht vorwerfen, aus den in der Tat vorhandenen Ungereimtheiten des Falles eine Verschwörungstheorie zu stricken? Baentsch: Wenn dieser Verdacht von unbedarfter Seite – also vom „Normalbürger“ – kommt, der nun nach Jahrzehnten der Fehlinformation von meinem Buch hört, so habe ich dafür Verständnis. Denn natürlich weiß ich, daß der Mensch – so geht es mir selbst ja auch – dazu neigt, nicht zwangsläufig das für wahrscheinlich zu halten, wofür die Tatsachen sprechen, sondern das, was immer wieder in aller Öffentlichkeit wiederholt wird. Ich habe deshalb meinem Buch ein Zitat des US-Soziologen Robert S. Lynd vorangestellt: „Es ist leichter, eine Lüge zu glauben, die man hundertmal gehört hat, als eine Wahrheit, die man noch nie gehört hat.“ Ich habe aber kein Verständnis, wenn eine solche Unterstellung von Leuten kommt, die es besser wissen könnten, also von Journalisten oder Politikern, denen die entscheidenden Tatsachen im Fall Barschel präsent sein müßten. Und was sind diese Tatsachen, die Sie für so bestechend halten? Baentsch: Das Erstaunliche am Fall Barschel ist, daß man nicht auf Geheiminformationen rekurrieren muß, sondern daß man schon anhand des offiziellen Materials merkt: Da stimmt was nicht! So sind zum Beispiel die Ergebnisse des zweiten Untersuchungsausschusses kaum ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen. Obwohl sie die Ergebnisse des ersten Ausschußes fast alle widerlegt haben, sind die Fehlresultate dieses ersten Ausschusses nach wie vor virulent und die Ergebnisse des zweiten Ausschusses vielfach schon wieder vergessen worden. Als da wäre, wie gesagt, die Tatsache, daß Pfeiffer von Engholm Geld bekommen hat … Baentsch: Das wie unter Dunkelmännern dem Empfänger nachts an einer Autobahn bar übergeben worden ist. Das müßte doch schon jeden aufmerksamen Menschen stutzig machen. Wenn Sie nun weitere Hinweise hinzuziehen, etwa die Nachricht der angesehenen Baseler Zeitung (BAZ) vom 15. Oktober 1987: „Nach sehr zuverlässigen Informationen, welche die BAZ bekam, haben die politischen und Justizbehörden von gewichtiger deutscher Seite und über mehrere Kanäle den Wunsch übermittelt bekommen, daß es in aller Interesse wäre, wenn man diesen Fall als Selbstmord einstufen könnte“, dann müssen doch alle Alarmglocken klingeln. Tatsächlich haben sich die deutschen Behörden jahrelang geweigert, Ermittlungen zu führen, obwohl die Schweizer Kollegen immer wieder betonten, daß die Lösung des Falles wohl kaum da zu finden sei, wo Barschel mehr oder weniger zufällig ums Leben kam, sondern doch wohl dort, wo er gelebt und gewirkt hatte. Schließlich platzte dem Schweizer Generalstaatsanwalt Bernard Betossa der Kragen und er machte seinem Unmut über das Desinteresse der deutschen Behörden in einem Stern-Interview Luft. 1995 kamen schließlich doch noch die Ermittlungen in Lübeck in Gang. Baentsch: Acht Jahre nach der Tat! Und was stellte die Staatsanwaltschaft in ihrem Gesamtbereicht 1998 schließlich fest: „Nach wie vor liegen zureichend tatsächliche Anhaltspunkte für ein Kapitalverbrechen vor.“ Das heißt, das Kolportieren der Selbstmordthese als mehr oder weniger gesicherte Wahrheit, wie das bis heute passiert, entbehrt jeder staatsanwaltschaftlichen Grundlage. Gerade wer sich an die offiziellen Untersuchungsergebnisse hält, hat kein Recht mehr, von Selbstmord als dem wahrscheinlichen Tathergang auszugehen. Aber ausgeschlossen ist er auch nicht. Baentsch: Die Staatsanwälte halten die Tür für den Selbstmord nur auf politischen Druck hin noch einen winzigen Spaltbreit offen. Aber, glauben Sie mir, sie wissen nur zu gut, daß Barschel umgebracht worden ist. Eine Behauptung. Baentsch: Es gibt nach dem Wegfall der frühen Schuldvorwürfe kein einziges Indiz für Selbstmord, aber ganze Beweisketten, die alle auf Mord hinauslaufen. Ich bin 1988 durch die Studie „Tod in Genf. Ermittlungsfehler im Fall Barschel“ des renommierte Kriminologe Armand Mergen, immerhin Ehrenpräsident der Deutschen Kriminologischen Gesellschaft und akademischer Ausbilder vieler hoher BKA-Beamter, auf die Fragwürdigkeiten des Falls Barschel aufmerksam geworden. Mergen hat die Ermittlungen in Genf als eine Art Verschleierung bewertet. Sehr wichtig ist aber vor allem die Analyse des Schweizer Toxikologen Hans Brandenberger, der nachwies: Barschel wurde vergiftet. Oder er hat sich selbst vergiftet. Baentsch: Nein, Brandenberger fand – vereinfacht dargestellt – sowohl Betäubungsmittel als auch ein letztlich tödliches Gift in Barschels Körper. Die betäubenden Mittel waren schon sehr viel weiter im Körper vorgedrungen. Sie fanden sich bereits in hoher Konzentration im Urin, während das tödliche Gift konzentriert erst im Magen angekommen war. Das heißt, das Gift wurde erst inkorporiert, nachdem die Betäubungsmittel schon eine Weile in seinem Körper waren, sprich Barschel war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr bei Bewußtsein. Er kann also das Gift nicht selbst geschluckt, Dritte müssen es dem Wehrlosen eingeflößt haben. Sie berufen sich im folgenden auf die Darstellung des ehemaligen Mossad-Agenten Victor Ostrovsky, der schon in dem 1994 bei Bertelsmann erschienenen Buch „Geheimakte Mossad“ behauptet, der israelische Geheimdienst habe Barschel liquidiert. Baentsch: CDU-Ministerpräsident Barschel war 1987 nicht mehr bereit, einen über Schleswig-Holstein laufenden geheimen Waffentransfer zwischen Israel und dem Iran zu decken. Israel unterstütze heimlich den Iran, weil es am Fortgang des Golfkrieges interessiert war. Da der Mossad, der mit Teilen des BND kooperierte, wußte, daß der Oppositionsführer der Sache dagegen positiv gegenüberstand, galt es, Barschel kurz vor der Wahl massiv zu diskreditieren und dem kooperationsbereiten Oppositionsführer damit den Weg zu ebnen. Es gelang bekanntlich, Barschel als gemeinen Intriganten darzustellen. Doch der drohte nun – mit dem Rücken zur Wand -, über die Waffengeschäfte auszupacken. Da er auf Bestechungsversuche nicht einging, mußte er beseitigt werden. „Fremde Dienste: Unser Staat zeigt Züge von Vasallentum“ Vorausgesetzt, es war tatsächlich, wie Ostrovsky behauptet. Was schließen Sie daraus? Baentsch: Der Schluß ist zwingend, daß die Geheimdienste bei uns ohne wirksame Kontrolle durch Justiz, Parlament oder Regierung agieren. Ich sehe die Tatsache bestätigt, daß unsere „deutschen“ Dienste, die nicht von uns, sondern von den Siegern des Zweiten Weltkrieges gegründet wurden, sich in erster Linie deren Interessen verpflichtet fühlen und der deutsche Staat diesen Zustand offenbar hinnimmt und damit Züge von Vasallentum zeigt. Ich schließe daraus, daß die Gewaltenteilung bei uns in schwerwiegenden Fällen außer Kraft gesetzt ist. Wenn mir Staatsanwälte unter der Hand sagen, sie hätten den Fall Barschel aufklären können, wenn die Politik dies zugelassen hätte, dann sehe ich ein Ausmaß an demokratischer Deformation, wie sie die Menschen in ihrem Glauben an unsere Demokratie nie für möglich halten würden. Sie präsentieren in Ihrem Buch ein bisher angeblich unveröffentlichtes Foto vom Gesicht des Toten. Das Bild ist schockierend, denn es zeigt Spuren von Gewalteinwirkung, die zur gängigen Selbstmordthese im krassen Widerspruch stehen. Irritierend ist nur: Auf dem früher gemachten Bild Barschels in der Badewanne ist von diesen Spuren nichts zu sehen. Baentsch: Oh doch! Schwellungen wie links oben auf der Stirn sind auf beiden Bildern zu erkennen. Aber die Photos sind schwer vergleichbar. Eines ist in Farbe, das andere schwarzweiß; Perspektive und Tiefenschärfe sind unterschiedlich. Und es kommen noch die Veränderungen durch den Zeitablauf hinzu, die auch deshalb schwer zu interpretieren sind, weil der Zeitpunkt des Todeseintritts nur ungenau bestimmt worden ist. Unbegreiflicherweise hatte man „vergessen“, die Körpertemperatur des Leichnams zu messen. Allerdings widersprechen diese Spuren der Darstellung Ostrovskys, Gewalt sei nicht nötig gewesen, da Barschel bewußtlos gemacht wurde. Baentsch: Ostrovsky berichtet über ein Geschehen, das ihm von Tatbeteiligten berichtet wurde. Er war also nicht selbst dabei. Unschärfen und Irrtümer im Detail können auf Fehler in der Übermittlung zurückzuführen sein. Anders als bei Ostrovsky dargestellt, starb Barschel ja auch nicht plötzlich durch heftigen Schock, sondern erst nach mehreren Stunden der Bewußtlosigkeit. Und dennoch, viele der wesentlichen Angaben des Ex-Agenten sind wissenschaftlich einwandfrei bewiesen. Denkwürdigerweise sind die Beweise für Mord der Öffentlichkeit vorenthalten worden. Statt dessen wurden die Medien mit Desinformation gefüttert. Wieso aber sollten alle deutschen Medien wie auf Verabredung schweigen? Baentsch: Zum einen gibt es in den Medien eine nicht unbeträchtliche Zahl von Viel-zweck-Journalisten, die auf den Gehaltslisten der Geheimdiensten stehen und bewußt das Geschäft der Desinformation betreiben. Zum anderen aber muß man verstehen, daß dem Spiegel und dem Stern, von denen die Affäre Barschel medial ja erst erschaffen worden ist, von den Journalisten ganz allgemein die Meinungsführerschaft zugestanden wurde. Vom Spiegel hat ja sogar der parlamentarische Untersuchungsausschuß abgeschrieben. Da hat sich bei den anderen Medien so was wie Autoritätsgläubigkeit eingestellt. Der „Spiegel“ hätte ohne Ansehensverlust beim Auftauchen neuer Untersuchungsergebnisse umschwenken können. Baentsch: Der Stern hat sich ja ziemlich früh schon von Mord überzeugt gezeigt. Aber vom Spiegel war Pfeiffer zum geradezu unantastbareren Kronzeugen stilisiert worden. Daraus ist wohl eine Fehlprägung entstanden, die nicht mehr zu tilgen war. Sie waren selbst Redakteur des „Spiegel“. Haben Sie in der Redaktion jemals eine Haltung erlebt, die zu so einer Verhaltensweise paßt? Baentsch: Ganz und gar nicht. Um so überraschter und enttäuschter war ich, als ich erleben mußte, wie mein alter Spiegel im Fall Barschel mit der Wahrheit umging. Man würde bei Ihrem Buch einen enormen Anmerkungsapparat erwarten, der alle Quellen belegt. Es sind aber nur vier magere Seiten. Baentsch: Wem hätte ich einen Dienst damit erwiesen, die zu Tausenden zählenden Dokumente aufzulisten, die ich als bislang einziger unter den Außenstehenden sehen und auswerten durfte? Wohl doch nur denen, die jetzt bemüht sind, meine vertraulichen Informanten ausfindig zu machen. Barschels Witwe macht im Interview mit „Cicero“ an die Adresse Helmut Kohls – nicht des Mossad! – den Vorwurf: „Mord aus Staatsräson“. Baentsch: Ich sehe, daß das zwei unterschiedliche Gewichtungen sind. Frau Barschel stellt die Frage nach der Verantwortung auch der deutschen Politiker. Diese Frage stellt sie zu Recht. Allerdings halte ich es für ausgeschlossen, daß deutsche Dienststellen einen politischen Mord begehen. Ob man Ihrer Beweisführung folgen will oder nicht: Das beunruhigende Fazit ist, die Dinge verhalten sich nach Aktenlage völlig anders als im öffentlichen Bewußtsein verankert. Baentsch: Die Veröffentlichungen und die Tatsachen – sie stimmen nicht immer überein. Zu Beginn wich das Meinungsbild in den Medien – die die Selbstmordthese kolportierten – noch wesentlich vom Meinungsbild im Volk ab. Nach einer Umfrage waren damals 55 Prozent der Meinung, Barschel sei ermordet worden, nur 44 Prozent meinten, er starb von eigener Hand. Erstaunlich anders fiel das Ergebnis in Schleswig-Holstein aus, wo man Barschel besser kannte: Hier zeigten sich 71 Prozent davon überzeugt, daß es Mord gewesen sei, und nur 27 Prozent vermuteten Selbstmord. Heute verbinden viele junge Menschen überhaupt keine eigenen Erinnerungen mehr mit den Vorgängen damals, und bei den Älteren hat das Vergessen seinen Mantel über die Details gebreitet. Die populäre Version der Dinge, die in krassem Widerspruch zur Faktenlage steht, droht sich mehr und mehr zur endgültigen „Wahrheit“ auszuwachsen. Damit die Legende die Wahrheit nicht eines Tages vollständig verdrängt, habe ich drei Jahre Arbeit in mein Buch gesteckt. Wolfram Baentsch . Der Wirtschaftswissenschaftler und Germanist war zuletzt Chefredakteur der Wirtschaftswoche und stellvertretender Chefredakteur der Welt. Ab 1980 leitete er das von ihm mitgegründete Unternehmermagazin Impulse, zuvor arbeitete er als Redakteur beim Spiegel und bei Capital. Seit 2003 untersucht der 1939 im pommerschen Schneidemühl geborene Baentsch die Hintergründe des Falls Barschel. Jetzt hat er die spektakulären Ergebnisse seiner „glänzenden Recherchearbeit“ (Norddeutscher Rundfunk) in seinem umstrittenen Buch „Der Doppelmord an Uwe Barschel. Fakten und Hintergründe“ (Herbig, 2006) vorgelegt. Foto: Uwe Barschel auf der „Ehrenwort“-Pressekonferenz vom 18. September 1987: „Nicht Täter, sondern Opfer“ weitere Interview-Partner der JF

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