„Unser Volkstum stärken“

Herr Kosak, 2005 haben wir 60 Jahren Flucht und Vertreibung gedacht. Doch auch heute noch leben Hunderttausende von Deutschen in den ehemaligen Ostprovinzen des Reiches, die sogenannten Heimatverbliebenen, von deren Schicksal und Alltag in Deutschland aber kaum jemandem etwas bekannt ist. Wie zum Beispiel feiern die Deutschen in Schlesien heute Weihnachten?

Kosak: Im Grunde so wie die Deutschen in der Bundesrepublik auch, also mit Christbaum, Kirchgang und Gänsebraten. Allerdings fällt schon auf, daß bei uns Weihnachten noch wesentlich weniger kommerzialisiert ist. In Deutschland stehen ja mitunter im Oktober schon die Schokoladen-Nikoläuse in den Supermärkten, und die Weihnachtsdekoration prangt schon ab November in den Straßen, Schaufenstern und Vorgärten. Für uns dagegen ist die Adventszeit noch die Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten, nicht quasi dessen Vorwegnahme. Die volle Pracht des Festes entfaltet sich bei uns erst zu Weihnachten selbst. Der Advent ist dagegen die Zeit der Stille, Besinnung und Erwartung, und erst das Christfest durchbricht diese Ruhe mit Glanz und Jubel über die Geburt des Jesuskindes.

Allerdings sieht man auch in Schlesien immer mehr Häuser und Vorgärten in einen "Zuckerguß" aus elektrischem Weihnachtslicht getaucht.

Kosak: Das stimmt, immer mehr hält auch bei uns der westliche Stil Einzug, immer mehr rückt Weihnachten auch bei uns aus den Stuben auf die Straße, wird der Advent laut und hell. Diese Pracht ist natürlich verlockend. Ich selbst fahre zum Beispiel vor Weihnachten gerne in ein Dorf mit besonders üppiger Weihnachtsdekoration, um mir den Glanz dort bei einem Abendspaziergang anzusehen. Dennoch findet die eigentliche Einstimmung auf Weihnachten bei uns noch zum Beispiel durch eine stärkere Betonung des Nikolaustages und des Adventssingens statt. In der Bundesrepublik werden mittlerweile schon im Advent Weihnachtslieder gespielt, dort hat man offenbar völlig vergessen, daß der Advent eigentlich eine Fastenzeit ist und in deutlichem Gegensatz zu den üppigen Festtagen steht. Die Kirche ermahnt uns, am alten Brauch der vorweihnachtlichen Ruhe und inneren Vorbereitung festzuhalten.

"Hier Weihnachtsgans und Mohnklößel, dort Bigos"

Wie unterscheidet sich das Weihnachtsfest der Deutschen von dem der Polen in Schlesien

Kosak: Von uns Deutschen haben die Polen hier zum Beispiel den Adventskranz übernommen. Ebenso wie viele unserer Weihnachtslieder. Allerdings haben auch wir viele von den Polen übernommen, denn auch sie haben sehr schöne Weihnachtslieder. Sehr ausgeprägt sind natürlich die Unterschiede in der Küche. Neben den traditionellen Mohnklößeln zum Nachtisch essen wir Schlesier überwiegend noch die Fastenspeise Fisch am Heiligen Abend. Die Weihnachtsgans und die schlesischen Klöße gibt es dann erst an den Weihnachtsfeiertagen. Die Polen bevorzugen dagegen zu Heilig Abend ihr Nationalgericht Bigos, einen Eintopf aus Sauerkraut, Weißkohl, verschiedenen Fleischsorten und weiteren Zutaten wie zum Beispiel Trockenpflaumen. Bigos essen die Polen allerdings nicht nur an Weihnachten, sondern bevorzugt an allen möglichen Feiertagen.

Die Polen sind für ihre nationalkatholische Einstellung bekannt. Gibt es bei ihnen eine Verquickung des Weihnachtsfestes mit dem polnischen Nationalismus wie zum Beispiel in Dänemark, wo man den Christbaum mit der Nationalflagge schmückt?

Kosak: Nein, die Polen feiern Weihnachten in erster Linie als christliches und als Familienfest, so wie wir Deutsche auch.

Dennoch stellt der polnische Nationalkatholizismus ein Problem für die Deutschen dar.

Kosak: Bekanntlich ist der polnische Klerus sehr nationalistisch eingestellt, obwohl es auch einen deutschen Bischof gibt. Das bekommen wir zum Beispiel zu spüren, wenn wir auch heute noch nicht mehr als eine Heilige Messe in deutscher Sprache pro Woche feiern dürfen. Und selbst das durchzusetzen, war schon ein schwerer Kampf. Gern mischt sich der polnische Nationalkatholizismus auch mit antideutschen Tönen, ein Paradebeispiel dafür ist der ultranationalistische und ultrakatholische Radiosender "Radio Maryja" aus Thorn (JF 9/02). Es gibt aber auch Verbindendes durch die Kirche, zum Beispiel die Ablehnung des Kommunismus vor der Wende oder eben zum Beispiel, wenn die Kirche alle Katholiken aufruft, den christlichen Traditionen der jeweiligen Volksgruppen treu zu bleiben, etwa gegenüber kommerziellen Einflüssen aus dem Westen.

Der westliche Konsumismus bedroht also die Tradition von Deutschen und Polen?

Kosak: So ist es, und leider erweisen sich die Deutschen mit ihrer Ausrichtung auf die Bundesrepublik und deren Konsumphilosophie und der Einflußkraft des deutschen Fernsehens als anfälliger dafür denn die Polen.

Das heißt, statt einer Stärkung des deutschen Volkstums erfahren die Schlesier durch den bundesdeutschen Einfluß eine Verwestlichung?

Kosak: Die Menschen sehen im Fernsehen all die Unterhaltungsprogramme. Auch wenn bei der älteren Generation die Volksmusiksendungen aus Deutschland der absolute Renner sind, sehen die Jungen vor allem US-Serien und bundesrepublikanische Seifenopern, die von Menschen handeln, die einem urbanen, individualistischen, "multikulturellen" Lebensstil frönen. Das wird dann natürlich von ihnen nachgeahmt.

Sie haben vier Kinder, alle vier sind in die Bundesrepublik übergesiedelt. Warum?

Kosak: Sie müssen verstehen, daß ich mein ganzes Leben darauf hingearbeitet habe, mit meiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland auszureisen. Ich habe wegen des Ausreiseantrages 1978 sogar meine Stelle als Lehrer verloren. Als schließlich klar wurde, daß es uns wohl nicht vergönnt sein würde, dieses Ziel zu erreichen, war unser ganzes Bestreben, dies wenigstens für unsere Kinder möglich zu machen.

"Wir wollten als Deutsche unter Deutschen leben"

Warum wollten Sie ausreisen?

Kosak: Weil wir als Deutsche unter Deutschen leben wollten. Es war zu meiner Zeit nicht absehbar, daß es einmal zu einer Renaissance der Deutschen in Schlesien kommen würde. Für uns war die polnische und kommunistische Bedrückung sehr intensiv und die Lage erschien uns in den Jahrzehnten nach dem Krieg völlig perspektivlos für uns Deutsche. Heute stellt sich die Situation ganz anders dar, heute geht es mir darum, das Deutschtum in Schlesien zu stärken, doch das war fünfundvierzig Jahre lang ein unvorstellbarer Gedanke. Leider hat diese Fixierung auf die Ausreise uns grundlegend geprägt, ein Umdenken setzte erst sehr langsam, nach der Wende 1989/90 ein. Und ganz abgesehen von dieser psychologischen Dispostion wirkt natürlich die materielle Anziehungskraft des Westens auf unsere jungen Leute sehr stark.

Sie sind geblieben.

Kosak: Mit fünfzig hätte ich keinen Arbeitsplatz mehr in der Bundesrepublik gefunden. Außerdem: Ich bin Deutscher und ich bin Schlesier – und ich bin stolz darauf. Wenn ich in dieser schönen Landschaft stehe, dann sehe ich den Friedhof, auf dem meine Eltern und Vorfahren begraben liegen, ich sehe das Dorf, in dem ich geboren wurde, ich sehe das Schloß derer von Eichendorf, und ich sehe die Schornsteine von Ratibor. Dann weiß ich, ich bin mitten darin, im Epizentrum meiner Heimat.

Haben die Deutschen in Schlesien eine Zukunft?

Kosak: Es ist nicht nur die deutsche Jugend, die ihre Heimat verläßt, auch die polnische Jugend sieht zum großen Teil keine Zukunft mehr in ihrem Vaterland. Ich muß Ihnen sagen, auch das macht mich sehr traurig. Die deutsche Volksgruppe sehe ich aber nicht in erster Linie vom Aussterben bedroht, als vielmehr von einem kulturellen Verschwinden durch Verwestlichung einerseits und Polonisierung, also Assimilierung andererseits. Dazu gehört, daß wir nach wie vor schikaniert und diskriminiert werden. Zum Beispiel in der Frage deutschsprachige Gottesdienste oder wenn ich an die kraß antideutsche Geschichtsdarstellung in vielen polnischen Museen, etwa am Annaberg denke. In der Woiwodschaft Oppeln hatten wir es jüngst gar mit einem regelrechten Feldzug unserer Woiwodin gegen deutsche Denkmäler für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs zu tun. Auf ihre Anweisung hin wurden von den entsprechenden Gedenktafeln die Eisernen Kreuze gebrochen und das Wort "Gefallene" getilgt, weil das ein ehrenhafter Begriff ist und deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges diese Ehre ihrer Meinung nach nicht verdient hätten. Dabei muß man bedenken, daß diese Denkmäler ja nicht auf polnischer Erde stehen, sondern es die Polen waren, die sich hier nach der Vertreibung auf deutschem Boden niedergelassen haben. Unser deutscher Erzbischof Alfons Nossol sah sich vor einigen Jahren gar genötigt, öffentlich davor zu warnen, daß die Deutschen in Schlesien Bürger zweiter Klasse zu werden drohten.

Was kann getan werden?

Kosak: Wir brauchen mehr Unterstützung aus Deutschland. Sowohl von der Politik wie von der Öffentlichkeit. Die Politik hat seit dem Amtsantritt der rot-grünen Bundesregierung bekanntlich keinerlei Interesse mehr an einer Unterstützung der Deutschen außerhalb der Bundesrepublik gezeigt. Man hat uns mehr oder weniger klar bedeutet, daß man Warschau und nicht Berlin für uns zuständig hält. Ein starkes Stück! So was ist wohl nur in Deutschland möglich. Von der neuen CDU-geführten Bundesregierung erwarten wir uns da natürlich mehr. Aber wir wissen, daß auch die Union mehr an guten Beziehungen zu Warschau als am Schutz der deutschen Minderheit interessiert ist. Kein Vergleich zu dem, wie Warschau auftritt, wenn man dort zum Beispiel die Rechte der polnischen Minderheit in der Ukraine verletzt sieht. Der Schlüssel aber ist das mangelnde Nationalbewußtsein der Deutschen in der Bundesrepublik. Warum sollte sich die Berliner Regierung für uns interessieren, wenn sich in der bundesdeutschen Öffentlichkeit niemand für uns interessiert? Deshalb haben auch Sie als Bundesdeutsche eine unmittelbare Verantwortung für die deutschen Minderheiten im Ausland! Wenn Sie einen Polen fragen: "Wer bist Du?", bekommen Sie bei der überwiegenden Mehrheit die klare Antwort: "Ich bin Pole!" Bei den Deutschen hören Sie dagegen oft Ausflüchte wie: "Ich bin Europäer". Dieses Problem muß in der Bundesrepublik gelöst werden, nicht bei uns, wo sich noch wesentlich mehr Menschen zu ihrem Deutschtum bekennen und übrigens auch gut damit fahren: Denn die meisten Polen haben für einen Deutschen, der sein Volkstum zu verstecken versucht, nicht viel Verständnis. Für einen Schlesier jedoch, der sein deutsches Volkstum unumwunden bekennt – das lehrt mich die persönliche Erfahrung, denn die Polen schätzen es zu wissen, woran sie sind – haben sie Respekt.

Bruno Kosak ist Mitglied im Vorstand des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften (VdG), des Dachverbandes der deutschen Organisationen in Schlesien, und Fraktionschef der sieben Abgeordneten der deutschen Volksgruppe im Landtag der Woiwodschaft Oppeln. Geboren wurde der ehemalige Lehrer und Volksschulrektor 1936 im oberschlesischen Eichendorf/Mühl bei Ratibor.

Verband der deutschen sozialkulturellen Gesellschaften: In dem 1991 gegründeten Verband sind die lokalen, sogenannten "Freundschaftskreise" der heimatverbliebenen Deutschen in der heutigen Republik Polen organisiert. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt, weil die aggressive Unter-drückungs- und Polonisierungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg den kulturellen Zusammenhalt der Deutschen vielfach zerstört hat. So sprechen viele heute nicht mehr richtig Deutsch oder bekennen sich immer noch vorsichtshalber lieber zur polnischen oder zur – offiziell gar nicht existenten – "schlesischen" Nationalität statt zur deutschen. Schätzungen zu-folge sind es zwischen 600.000 und 800.000. Ihr "Siedlungsschwerpunkt" liegt im oberschlesischen Oppelner Raum.

Kontakt und Informationen: ul. Krupnicza 15, 45-013 Oppeln, Telefon: 0048 / 77 / 453 85 07, Internet: www.vdg.pl

Foto: Die weihnachtlich geschmückte St. Johannes-Kathedrale in Breslau: "Der Erzbischof warnt, die Deutschen in Schlesien drohen Bürger zweiter Klasse zu werden"

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