„Ohne Mythos funktioniert es nicht“

Herr Schühly, am 24. Februar kommt der Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ ins Kino (JF 51/04). Nach Michael Verhoevens „Die Weiße Rose“ aus dem Jahr 1982 erst der zweite deutsche Kinofilm über den patriotischen Widerstand der jungen Studenten gegen Hitler in immerhin sechzig Jahren! Schühly: Es ist toll, daß sich Regisseur Marc Rothemund und Autor Fred Breinersdorfer des Themas angenommen haben! Allerdings muß man die Premiere abwarten, die gute Absicht macht noch keinen guten Film. Verhoevens „Weiße Rose“ frisierte – unter Auslassung zahlreicher Zusammenhänge und zum Mißfallen überlebender Angehöriger der Weißen Rose – die jugendbewegte, patriotische und sehr katholische Sophie Scholl zu einer „zivilcouragierten“ Zeitgeistfigur um. Schühly: Ich glaube, Verhoeven hat keine authentische Geschichte erzählt. Er hat nicht aus den Quellen der eigenen Geschichte und Kultur geschöpft. Ich vermute, er war am Schicksal des eigenen Landes zur Zeit des Nationalsozialismus gar nicht interessiert. Er hat statt dessen eine universelle Widerstandsgeschichte, wie sie im modernen, linken Milieu bevorzugt wird, einfach in das Gewand der Weißen Rose gekleidet. Das kann man als Künstler so machen, und sein Film mag nach den eigenen Maßstäben gelungen sein, aber klar ist, daß das die Deutschen außerhalb des juste milieu nicht vom Hocker reißt. Nach demselben Strickmuster hat 1989 Klaus Maria Brandauer die Geschichte des Bürgerbräu-Attentäters von 1938 in „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ verfilmt. Dazu kommen zwei hausbackene Stauffenberg-Verfilmungen aus dem Jahr 1955. Fünf betuliche Filme in über einem halben Jahrhundert bundesdeutscher Filmgeschichte. Warum interessieren sich die Filmemacher nicht für den deutschen Widerstand? Schühly: Ich würde die Frage weiter fassen. Warum interessieren sie sich nicht für das Thema Deutschland? Hinter dem Desinteresse am deutschen Widerstand steckt ein Desinteresse am eigenen Land. Immerhin gab es 2003 „Das Wunder von Bern“, 2004 „Der Untergang“. Schühly: Eingerahmt von einer ganzen Armee von Post-68er-Bewältigungsfilmen wie „Mucksmäuschenstill“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“, bundesrepublikanischen Beziehungskomödien wie „Nackt“ von Doris Dörrie und pubertären Klamotten à la Bully Herbig oder Otto Waalkes. Die Filmemacher in Deutschland interessieren sich einfach nicht mehr für ihr Land, sie drücken nichts aus als ihren Hedonismus und ihre privaten Probleme. Der deutsche Film ist in der Hand von Philistern, die Geschichten von Kleinbürgern erzählen, die am Ende kleiner sind als vorher. Überraschend allerdings, daß Sie ausgerechnet etwa Rainer Werner Fassbinder dagegensetzen. Warum? Schühly: Fassbinder – mit dem ich viel zusammengearbeitet habe – hat sich immer mit diesem Land und seiner Geschichte beschäftigt. Von Kleist bis Döblin, mit den großen Frauenschicksalen und den zerstörten Männerträumen dieses Landes. Allerdings in sehr destruktiver Weise. Schühly: Dies sehe ich nicht so. Döblins „Alexanderplatz“ war der eigentliche Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Und der Protagonist Franz Biberkopf ist eine große deutsche Kunstfigur, ein typisch deutscher Charakter und ein großes deutsches Schicksal. Mit ihm hat sich Fassbinder mehr identifiziert als mit jeder anderen Figur. Weiterhin ist entscheidend, daß seine Filme Authentizität und Identität besitzen. Ich glaube, bei Fassbinder steckt schon ein heimlicher patriotischer Kern drin. Ein Verzweifeln an einer Sache ist auch Beweis einer Sehnsucht – der Sehnsucht nach einer Geborgenheit auch in einer Gesellschaft, in einem Land. In Fassbinder schlummerte ein großes Bedürfnis nach Liebe. Seine Aggressionen sollten wachrütteln – ein Land, das in sich zerbrochen war und doch so tat, als sei nichts passiert. Sie waren Ausdruck seiner Verzweiflung über eine ihm unmöglich gemachte Liebe. War sich Fassbinder Ihrer Meinung nach dessen bewußt? Schühly: 1980 machte Francis Ford Coppola Fassbinder ein Angebot, welches man eigentlich nicht ablehnen konnte: Karriere in Hollywood. Fassbinder entschied sich aber für seine Muttersprache und sein Vaterland – klar und unsentimental. Warum haben die deutschen Filmemacher kaum Sinn für die großen, sprich patriotischen Themen? Schühly: Das hat natürlich eine Reihe von Gründen. Kunst ist in abgesicherten und politisch/moralisch „korrekten“ Gesellschaften stets in der Krise. Ohne gesellschaftliche Spannungsverhältnisse, ohne Tabus und deren Transgression keine Kunst! Bernardo Bertolucci drohten 1972 für „Der letzte Tango in Paris“ noch Gefängnishaft und der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Oder denken Sie an die Renaissance des US-Films durch die Katastrophe des Vietnamkriegs. Zuvor war der amerikanische Film quasi tot, Hollywood dachte schon darüber nach, sich an die Fernsehanstalten zu verkaufen! Hollywood hatte seine Helden verloren. Niemand glaubte mehr John Wayne und seiner Botschaft vom aufrechten Kämpfer für die bürgerlichen Werte. Dann kam das New Hollywood, kamen „Apocalypse Now“, „The Deer Hunter“, „Taxi Driver“, „French Connection“, die das Trauma Vietnam aufarbeiteten. Die neuen Helden waren gebrochene, traumatisierte Figuren, die das Publikum von ihrer Wahrhaftigkeit wieder überzeugen konnten. Und in Deutschland? Deutschland entwickelte sich derweil zu einer Art Club Mediterrane. Fellini hat einmal zu mir gesagt, das Kino höre dann auf zu existieren, wenn es die Sünde nicht mehr gebe. Und die gibt es praktisch nicht mehr. Heute ist bei uns fast alles erlaubt, die hedonistische Selbstverwirklichungsgesellschaft läßt sich freudig alles bieten und läßt sich auf alles ein. Keiner hat den Mut, den Mund aufzumachen, weil er bloß nicht als „Spießer“ und „Gestriger“ abgekanzelt werden will. Sogar Kannibalen können bei uns vor Gericht auf ihre Selbstverwirklichung pochen! Wir sind moralisch so satt, daß wir uns keiner Amoralität mehr enthalten. In diesem lendenlahmen Land ist Kunst nicht mehr drin. Was ist mit der Teilung der Nation, mit der jahrzehntelangen Unterjochung der osteuropäischen Nachbarn direkt vor unserer Haustür durch den Kommunismus und eben dem Erbe des deutschen Widerstandes gegen Hitler? Das alles ist doch große Geschichte, Spannungsfelder, direkt vor unserer Nase! Schühly: Das hat doch keinen interessiert. Warum? Schühly: Das war das Problem der deutschen Linken: Die wollten das doch gar nicht zur Kenntnis nehmen. Wollten? Das heißt, den Deutschen fällt deshalb nichts zu ihrer Nation ein, weil sie gar nicht wollen, daß ihnen dazu etwas einfällt? Schühly: Richtig! Denn wir schämen uns ja so sehr, Deutsche zu sein! Total verkorkst. Die Weiße Rose oder der 20. Juli müßten doch gerade angesichts des Holocaust um so begeisternder auf die Deutschen wirken. Schühly: Eben, bitte: der Beweis, daß es bei dem ganzen Gutmenschengetue gar nicht um die Opfer der Nazis und die Helden gegen Hitler geht. In Wirklichkeit interessieren sich die politisch korrekten Medienmacher doch einen Dreck für den Widerstand gegen Hitler. Ohne die mitproduzierenden Fernsehanstalten läuft heute fast nichts mehr im deutschen Kinowesen. Ich bin lange genug im Filmgeschäft, ich weiß, wie oft irgendwelche moralischen Absichten vorgeschoben werden, um Förderungsgelder lockerzumachen, die dann auch prompt fließen. Was am Widerstand macht den Medienmachern denn solche Angst? Schühly: Daß die Widerständler Helden sind, selbst wenn sie Helden gegen Hitler sind. Wie furchtbar, ein deutscher Held! Deutsche dürfen allenfalls „zivilcouragiert“ sein. Denken Sie nur an die jüngsten Fernsehfilme über Stauffenberg anläßlich des sechzigsten Jahrestages des 20. Juli. Figuren wie Stauffenberg oder von Tresckow sind viel zu groß für uns, die stehen wie Monolithen in der Landschaft. Also müssen sie erstmal ganz klein gemacht werden, sie müssen am Ende so sein wie Fritz Müller von nebenan. Und dann stehen sie im Format des „Aufstands der Anständigen“ wieder auf. So werden sie für die Autoren handhabbar gemacht und gleichzeitig gesellschaftspolitisch „entschärft“ – und der Film ist dann natürlich tot. Also steckt im Widerstand auch heute etwas Bedrohliches? Schühly: In den Männern und Frauen des Widerstandes steckt das Zeug zum Heros. Und die Angst vor dem Heros ist nichts weiter als die Angst vor dem Mythos. Der Mythos bedroht die Sicherheit der Kleinbürger. Die Frage ist: „Gibt es etwas, was mein Opfer wert ist?“ Die Antwort, die die Widerständler geben, die Entfesselung die in ihrer Selbstaufgabe liegt, stellt alle Werte in Frage, an die wir gewöhnt sind. Wie soll das wirken auf Menschen, deren existentielles Spektrum zwischen sexuellen Abenteuern, materiellen Nöten und dem Wunsch nach „guten Taten“ im Pfadfindersinne oszilliert? Das ist bedrohlich, nicht nur für Hitlers Welt, auch für die unsrige. Ein Mann wie Henning von Tresckow, der schließlich kein vernünftiges Gesetz mehr anerkennt, sondern sich mit seiner irrationalen Haltung „Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck (des Attentats) an … sondern darauf, daß unter Einsatz des Lebens in Berlin der entscheidende Wurf gewagt wird“ autonom macht, bedroht natürlich jede Ordnung. So ein Widerstand folgt nur dem Gewissen und ist nicht mehr kontrollierbar. Die Zivilcourage der Massengesellschaft dagegen ist ein Instrument – nicht der Autonomie und des Gewissens, sondern der Unterordnung und der Manipulierbarkeit des einzelnen. Der 20. Juli ist viel zu gefährlich, als daß die Herrschenden ihn den Deutschen zur Mythisierung überlassen könnten. Ist das Kino als letzte Bastion des Mythos ein Hort der Subversion? Schühly: Wie erklären Sie sich denn sonst zum Beispiel die alarmistischen, teilweise hysterischen Reaktionen auf „Die Passion Christi“? Das Hollywood-Kino wirkt allerdings meist wenig subversiv. Schühly: Das liegt am Verhältnis von Film und Nation. Das ist sowohl in Deutschland als auch in den USA ziemlich synchron – allerdings jeweils in die andere Richtung. Die deutsche Nation hat das gleiche Problem wie das deutsche Kino. Ohne Mythos funktionieren beide nicht. Patriotismus-Debatte? So ein Schwachsinn! Die haben uns Lichtjahre weit weg davon manövriert, eine Nation zu sein, und jetzt wollen sie alles mit einer „Patriotismusdebatte“ wiedergutmachen. Wenn es nicht so todtraurig wäre, könnte man einen Lachkrampf kriegen! In den USA dagegen wirkt ein mythisches Kino nicht zwangsläufig subversiv, weil es dem vitalen Mythos der Nation der Amerikaner nicht entgegensteht. Während bei uns ein mythischer Film destabilisierend wirken würde, wirkt er dort stabilisierend. „Birth of a Nation“ war 1915 nach der lange schwärenden Wunde des Bürgerkrieges für die USA bekanntlich so heilsam wie „Star Wars“ 1977 nach dem Desaster des Vietnamkrieges. Aber auch nicht naive, verstörende Filme wie „Apocalpyse Now“ oder „Taxi Driver“ entwickeln in den USA eine wohltuende Wirkung – nämlich auf dem Wege der Katharsis. Im neurotischen Deutschland dagegen wirkt nicht einmal mehr diese Wunderformel der alten Griechen: Ob „Das Kabinett des Dr. Caligari“ 1920 oder „Das Boot“ 1981 – hervorragende Filme, aber statt mit Stärkung durch Katharsis reagieren die Deutschen mit Schwächung durch Existenzangst. Jetzt also Alexander – der erste Superheld Europas – in einem amerikanischen Film (JF 52/04)? Schühly: Vergessen Sie nicht, daß Oliver Stone Halbfranzose ist, er hat sogar einen französischen Paß. Stone hat Sie im ZDF als den „kreativen Paten des Films“ bezeichnet. Ein europäischer Film? Schühly: Alexander war ein Mensch, der etwas gesucht hat. Ich glaube, das ist eine Sache, die man in Amerika genauso versteht wie in Europa. Alexander hat nicht erobert, um Reichtümer anzuhäufen, er wollte die Welt gewinnen. Alexander als Manifestation des typisch europäischen Mythos von der Weltaneignung? Schühly: Alexander war zum Beispiel der erste Mensch, der sich in einer Tauchglocke unter Wasser hat abseilen lassen. Und jede Stadt, die er gegründet hat, sollte ein Symbol für die Welt werden. Sein Kriegszug sollte buchstäblich bis zum Rand der Erde – er stellte sich eine Scheibe vor – reichen. Das alles sind Chiffren für den Mythos von der Weltaneignung. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, auf einem Pferd sitzend in die Unendlichkeit Persiens hineinzuschauen. Das ist so unendlich, wie wenn wir mit Teleskopen heute in die hintersten Winkel des Weltalls spähen. Weltaneignung als europäischer Mythos – in Form von Universalreichen ebenso wie in Form von Entdeckungen und Eroberungen: der Seeweg nach Indien, die Eroberung des Südpols oder die Besteigung des Mount Everest. Heute aber haben die Amerikaner mit ihrer weltweiten Präsenz, ihren Flügen ins All, zum Mond und vielleicht bald zum Mars diesen Part übernommen. Europa ist dagegen bequem und feige geworden. Was ist mit der Herausforderung der europäischen Einigung? Schühly: Du lieber Himmel! Die wird heute von Bürokraten, Kleinbürgern und Gutmenschen gemacht, nicht von Träumern und Eroberern. Schrecklich! Kein Wunder, daß diese zum Heldentum zu feigen Gestalten ihren Frust stellvertretend an einem einzelnen Wehrlosen wie Rocco Buttiglione auslassen, den sie dann mit jakobinischem Eifer jagen. Alexander, da bin ich ganz sicher, würde sich heute für Amerika entscheiden. Thomas Schühly gilt als einer der wichtigsten deutschen Filmproduzenten. Derzeit läuft sein Monumentalfilm „Alexander“ – unter der Regie von Oliver Stone – in den deutschen Kinos. Geboren 1951 in Karlsruhe, begann der studierte Jurist seine Filmkarriere als Assistent von Rainer Werner Fassbinder. Später produzierte er für ihn „Lola“ (1981) und „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982). Nach Fassbinders Tod realisierte Schühly seine erfolgreichsten Filme wie „Abwärts“ (1984), „Der Name der Rose“ (1986), „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ (1988), „Der Totmacher“ (1995). Vier seiner Filme erlangten Oscar-Nominierungen. Von Schühly zeitweilig geplante Verfilmungen des Lebens von Leni Riefenstahl und des Buches „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger ließen sich nicht realisieren. weitere Interview-Partner der JF

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