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„Jäh sind wir aus einem Traum gerissen worden“

Noch befand sich das ganze Land im olympischen Fieber. Noch dominierte die „London 2012“-Euphorie sämtliche Schlagzeilen. Noch waren auch die Wohlfühl-Rhythmen des „Live 8“-Konzerts im Hyde Park nicht völlig verklungen. Größer hätte der Schock kaum sein können – unerwartet kam er dennoch nicht nach Jahrzehnten terroristischer Bedrohung durch die IRA und erst recht nicht nach dem 11. September 2001. „Wir sind jäh aus einem schönen Traum gerissen worden“, schrieb der Schriftsteller Ian McEwan am Freitagmorgen im Guardian. „Wie hatten wir vergessen können, daß dies eines Tages passieren mußte?“ Die Paranoia des „Kriegs gegen den Terror“ sei langsam einer neuen Zuversicht gewichen, doch, so McEwan, „der Krieg des Terrors gegen uns eröffnete am Donnerstagmorgen eine neue Front“. Nachdem es aber passiert war: nachdem sich ausgerechnet die Tube, die Londonern während zwei Weltkriegen Schutz geboten hatte, in eine tödliche Feuerfalle verwandelt hatte, schien das vorherrschende Bedürfnis vieler Briten eine schnellstmögliche Rückkehr zur Normalität zu sein. In diesem Sinne hatte sich ein sichtlich erschütterter Tony Blair am Donnerstagmittag, wenige Stunden nach den Anschlägen, in einer kurzen, würdevollen Ansprache geäußert, ein wohltuender Kontrast zu George W. Bushs martialischer Rhetorik in der unmittelbaren Folge des 11. September. Blair endete mit den Worten: „Wir werden durchhalten, sie nicht.“ Zyniker unkten, der Premierminister und seine PR-Berater hätten lediglich aus den damaligen Fehlern des US-Präsidenten gelernt, und prophezeien, daß die Londoner Anschläge auch hierzulande als Vorwand für eine massive Einschränkung der Bürgerrechte – vornehmlich die heftig umstrittene Wiedereinführung der Ausweispflicht – dienen werden. Inwieweit sie recht behalten, muß die nahe Zukunft zeigen. Daß erste „Racheakte“ gegen muslimische Mitbürger nicht lange auf sich warten ließen, war leider ebenfalls keine Überraschung. Indes läßt der unbedingte Wille der Briten, dem Terrorismus nicht die Hegemonie über den gerade anbrechenden Sommer zu überlassen, Hoffnung inmitten der Trümmer aufkeimen. Zug- und Busverbindungen nach London wurden so rasch und so weitgehend wie möglich wieder aufgenommen: „Vier Minuten Verspätung – so pünktlich war dieser Zug wohl noch nie“, verkündete ein Nachrichtensprecher noch am Abend des 7. Juli mit jenem Galgenhumor, der nicht zu Unrecht als typisch britisch gilt. Der G8-Gipfel im schottischen Gleneagles wurde im Schatten der Aufräumarbeiten und der Bergung der Opfer wie selbstverständlich fortgesetzt, das Formel-I-Rennen in Silverstone fand am Sonntag statt wie geplant. Statt tagelang Trübsal zu blasen, spielen Radiosender betont fröhliche Musik, um ihre Zuhörer aufzuheitern. Das schleichende Unbehagen angesichts der mit Mobiltelefonen im „Tunnel des Grauens“ aufgenommenen Amateurfotos, die in vielen Zeitungen erschienen, verbietet sich vorerst noch ob der ungleich kaltblütigeren menschlichen Greueltaten, von denen sie zeugen. Ob wir diese Schnappschüsse unerhörter Geistesgegenwart – tatsächlich erhofft sich die Polizei wertvolle Hinweise von ihnen – oder aber einer perversen Sucht nach Bildern verdanken, darüber können die Feuilletonisten streiten, die sich in den kommenden Wochen und Monaten wieder über den „Krieg der Bilder“ auslassen werden. Fest steht schon jetzt: Die Menschenmassen im Hyde Park am Samstag zuvor (das Spektakel wurde hier weniger als Protestaufmarsch denn als Solidaritätskundgebung für Schatzkanzler Gordon Browns Pläne zur finanziellen Entlastung Afrikas aufgefaßt) und der Freudentaumel nach der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees in Singapur produzierten nicht nur die schöneren, sondern auch die stärkeren, die eindrucksvolleren, hoffentlich die im Gedächtnis bleibenden Szenen. Am Donnerstagnachmittag mußten Tausende den Heimweg zu Fuß antreten, oft über zehn Meilen und mehr. Von nun an überlegen sie sich zweimal, mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren – und haben zumeist doch keine andere Wahl, zumal mit dem abgerissenen Dach des Doppeldeckerbusses ein weiteres Symbol traditionellen Bürgerstolzes gesprengt wurde. Lange nachdem Schutt und Asche geräumt und die Toten begraben sind, werden die Londoner in einer anderen Stadt weiterleben, der Olympiastadt 2012, aber auch einer Stadt ständiger Todesangst. Wie einst auf dem Höhepunkt des IRA-Terrors werden sie wieder einen weiten Bogen um Mülltonnen, parkende Autos und unbeaufsichtigte Gepäckstücke schlagen. Aber sie werden es sich nicht nehmen lassen, weiter zu leben: wie in Tel Aviv, in Moskau, in New York, in Madrid. Silke Lührmann , Schlußredakteurin der JF, macht derzeit Urlaub in Südengland.

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