Der Stolperstein

Am 17. März „entscheidet“ ein Mann über die EU-Beitrittsverhandlungen Kroatiens. Der vom internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagte General Ante Gotovina ist es, der die Verhandlungen die an diesem Tag zwischen Agram (Zagreb) und Brüssel aufgenommen werden sollen, zum Platzen bringen könnte. Chefanklägerin Carla del Ponte vermutet, daß sich Gotovina noch in Kroatien aufhält und von einflußreichen Regierungsmitgliedern unterstützt wird: „Wir wissen, daß Kroatiens Regierung nicht das Nötige unternimmt, um den Angeklagten zu fassen.“ Im Westen gilt der 49jährige Gotovina als Kriegsverbrecher, in Kroatien dagegen als Kriegsheld. Als Kroatien 1991 seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte, riefen im Gegenzug die Serben in der kroatischen Grenzregion Krajina ihren eigenen Staat aus. Ziel: die Vereinigung mit der „Republika Srpska“ in Bosnien-Herzegowina und Restjugoslawien zu einem gemeinsamen serbischen Staat. Wäre ihnen dieses Vorhaben gelungen, hätte Kroatien seinen Unabhängigkeitstraum für immer ausgeträumt. Der ehemalige Fremdenlegionär Gotovina, der seit 1990 auf kroatischer Seite kämpfte und mittlerweile zum Oberkommandierenden des Militärdistrikts Split aufgestiegen war, leitete 1995 die Operation „Sturm“, die größte Rückeroberungsaktion des Krieges, die die Krajina wieder in kroatische Hand brachte. Gotovinas Ziel war die Hauptstadt der serbischen Separatisten, Knin. Da man dort mittlerweile die Evakuierung angeordnet hatte, flohen die meisten der in der Krajina ansässigen Serben. Das Kriegsverbrechertribunal interpretiert diesen Vorgang freilich ganz anders: Auf Befehl Gotovinas sollen die Serben von kroatischen Militärs vertrieben worden sein. Obendrein wird dem Oberkommandierenden die Ermordung von 150 serbischen Zivilisten zur Last gelegt. Nach dem Tod Franjo Tudjmans im Jahr 2000 kamen in Agram wieder die „alten Genossen“ an die Macht. Die linksgerichtete Regierung entließ Gotovina aus der Armee und kündigte unbedingte Kooperation mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal an. Seitdem befindet sich Gotovina auf der Flucht. Im Sommer 2001 lieferte die Regierung Racan sechs kroatische Generäle an Den Haag aus, was auf heftigen Widerstand im Volk stieß. Denn die kroatische Öffentlichkeit steht größtenteils hinter General Gotovina. Daß man nun die Auslieferung des „mutmaßlichen Kriegsverbrechers“ und die Beitrittsverhandlungen „in einen Topf wirft“, weckt bei den Kroaten Mißtrauen gegenüber der EU. Die jetzige Mitte-Rechts-Regierung unter Premier Ivo Sanader wird es, falls die EU die Verhandlungen tatsächlich auf unbestimmte Zeit verschiebt, künftig schwer haben, die Kroaten für einen EU Beitritt zu begeistern. Denn mit solchen Mitteln fördert man nicht die Demokratie in Kroatien, sondern man haucht den radikalen Kräften neues Leben ein.

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