Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Aufsteigerin

Kaiserin Theophanu, Rigoberta Menchù oder Miss Marple? Bei den „Lieblingsheldinnen“ im „FAZ-Fragebogen“ konnte sich Annette Schavan – die womöglich ab 2006 entweder als Ministerpräsidentin oder als Bundesministerin eine gewichtige Rolle spielen wird – nicht so recht zwischen machtbewußt, politisch korrekt und schrullig-schlau entscheiden. Sonst aber sieht alles recht zielgerichtet aus bei der rheinischen Katholikin aus Neuss. Jahrgang 1955, Theologiestudium, mit 25 Promotion über „Gewissensbildung“, Bundesgeschäftsführerin der CDU-„Frauen-Union“, dann sieben Jahre lang Leiterin des Cusanuswerks. Von dort berief Ministerpräsident Erwin Teufel, Beuteschwabe aus dem habsburg-katholischen Spaichingen, die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Katholiken 1995 zur Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg. 1998 folgt der Aufstieg ins Parteipräsidium der Union. Bildungspolitiker unter sich nennen Schavan in Anlehnung an Carl Orff gern „Die Kluge“. Klug muß sie wohl sein, sonst hätte sie – ohne eigene Hausmacht – kaum so lange im Haifischbecken der Südwest-CDU überlebt. Visionär braucht man dazu aber nicht zu sein, es reicht, viel Reformwind zu machen und Trends rechtzeitig zu erkennen. Zum Beispiel in der Kopftuchfrage, die der ausgewiesenen Linkskatholikin anfangs gar nicht so brisant erschien. Bevor jedoch die Republikaner im Landtag damit punkteten, führte sie diesen Kampf lieber selbst. Heute verbindet man strikte Ablehnung islamischer Verschleierung auf Beamtinnenköpfen mit dem Namen Schavan. Für ein politisches Ziehkind Rita Süssmuths eine erstaunliche Karriere. Wer sich so verbiegen kann, gilt in der CDU bald als zu Höherem berufen. Für Angela Merkel ist sie eine verläßliche Stütze. Zuletzt brachte die Parteichefin ihre Lieblingsvize als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten ins Spiel. Wer so was sagt, will meist, daß der Betreffende alles mögliche wird, bloß nicht Bundespräsident. Im Fall Schavan ging es um die Teufel-Nachfolge. Der „ewige Erwin“ ist 65 und würde von jedem außer „E.T.“ selbst liebend gern in Ruhestand geschickt. Da wollte Merkel ihre Frau – seit 2001 auch Landtagsmitglied – in dem starken CDU-Landesverband beizeiten positionieren. Das hat auch Landtags-Fraktionschef Günter Oettinger gemerkt – vielleicht kein Kluger, aber ein Schnelldenker -, stante pede seinen Nachfolgeanspruch angemeldet und zeitgleich Merkel als kommende Kanzlerin gepriesen. Teufel dagegen mag den arroganten und skrupellosen Oettinger nicht und möchte den Wählern mit der „‚Neig’schmeckten“ vom Rhein lieber ein Trojanisches Pferd unterjubeln: Sieht konservativ-bildungsbürgerlich aus, steckt aber viel modisches Gedankengut drin. Wenn’s im Ländle nicht klappt, dürfen wir uns unter einer Kanzlerin Merkel wohl auf eine politische Wiedergängerin von Rita Süssmuth im Bundeskabinett freuen.

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