Noch mehr Mitte

Im zweiten Anlauf hat er es also geschafft. Nachdem Wolfgang Huber vor sechs Jahren noch seinem nun scheidenden Amtsvorgänger Manfred Kock in der Wahl zum Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland unterlegen war, wählte ihn die Synode der EKD jetzt mit einer großen Mehrheit an die Spitze der Vereinigung von 24 evangelischen Gliedkirchen. Daß der 61jährige Bischof der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche auf eine so große Zustimmung unter den Synodalen stieß, liegt nicht zuletzt daran, daß er quasi den „gemeinsamen Nenner“ der verschiedenen Strömungen verkörpert: Er ist wie seine beiden unmittelbaren Vorgänger Oberhaupt einer unierten Kirche (noch dazu einer mit westlicher und östlicher Vergangenheit), steht somit als Vertreter der dritten (Kompromiß-) Konfession innerhalb des Protestantismus zwischen den beiden Polen der Lutheraner und der Reformierten. Doch nicht nur konfessionell, auch kirchenpolitisch hat sich Huber als Verkörperung der Mitte profilieren können. Bei den Konservativeren (sofern überhaupt vorhanden) konnte er mit seiner strikten Haltung gegen Eingriffe der Gentechnik in entstehendes menschliches Leben sowie durch seinen Widerstand gegen die Abschaffung des Religionsunterrichts in Brandenburg punkten. Für die kirchliche Linke reichte allein schon der Verweis auf die zahlreichen Veröffentlichungen des Sozialethikers zum Thema „Frieden“ und „Gerechtigkeit“ sowie sein offensiver verbaler Feldzug „gegen Rechts“. Nicht zu vergessen, daß Huber vor der Übernahme des Bischofsamtes ein Bundestagsmandat für die SPD angestrebt hatte. Seine linke Sozialisation mag vielleicht auch seiner Abkunft vom berühmten Rechtshistoriker Ernst Rudolf Huber geschuldet sein, dessen Verstrickung mit dem Dritten Reich („Der Führer vertritt die objektive Idee der Nation“) der Sohn gelegentlich in der Öffentlichkeit für die eigene Biographie problematisierte. Im Gegensatz zum rheinischen Präses Kock erwartet man vom neuen Ratsvorsitzenden eine wahrnehmbarere Darstellung der EKD in der Öffentlichkeit; und ohne Zweifel verfügt Huber, der nach einer kurzen Zeit im Pfarrdienst der württembergischen Landeskirche 1972 bereits habilitierte und seit 1980 zunächst in Marburg und bis 1994 in Heidelberg als Ordentlicher Professor für Systematische Theologie lehrte, über das intellektuelle Rüstzeug dazu. Daß seine Wortmeldungen – ob als Mitglied des Nationalen Ethikrates oder sein jüngstes Verdikt gegen den CDU-Abgeordneten Hohmann – stets politisch sind, bringt Huber in Widerspruch zu eigenen Aussagen. Seine inhaltliche Nähe zur „Neuen Mitte“, das Vorschußlob des kirchenfernen Kanzlers und Parteifreunds an den „streitbaren Denker und leidenschaftlichen Prediger“ birgt in sich die Gefahr dessen, was Huber in einem Aufsatz einst als „politische Religion“ geißelte: wenn kirchliche Verkündigung sich „explizit in den Dienst der bestehenden Herrschaft“ stellt.

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