Familiäre Bande

Bring your family“ – bring deine Familie mit, so wurde gespöttelt, als der neue und alte Wiener Bundeskanzler Wolfgang Schüssel am 28. Februar sein zweites „schwarz-blaues“ Kabinett präsentierte. Tatsächlich gibt es zwei Personalien, bei denen man sich nur schwer vorstellen kann, sie wären ohne verwandtschaftliche Bande zustande gekommen. So wurde Josef „Sepp“ Pröll, bisher Direktor des Bauernbundes, Landwirtschaftsminister – obwohl (oder weil?) der 34jährige Neffe des niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll (ÖVP) ist. Onkel Pröll aber gilt als einer der heftigsten Kritiker des Schüssel-Kurses und der FPÖ. War es ein geschickter Schachzug des Kanzlers, einen seiner gefährlichsten innerparteilichen Rivalen (der Pröll-Onkel ist glühender Verfechter einer Koalition mit der SPÖ) einstweilen zu besänftigen? Das alles habe den Geruch des politischen Nepotismus, ärgerten sich einige zu kurz gekommene ÖVP-Aktivisten. Noch spektakulärer ist der Fall der oberösterreichischen FPÖ-Politikerin und Landesrätin für Umwelt, Konsumenten und Frauen, Ursula Haubner. Die 57jährige gelernte Lehrerin wurde überraschend zur Staatssekretärin im Wiener Sozialministerium – unter Vizekanzler, Bundesminister und FPÖ-Chef Herbert Haupt ernannt. Sie ist aber zugleich die ältere Schwester Jörg Haiders, des „einfachen FPÖ-Mitglieds“ und Landeshauptmanns von Kärnten. Dieser hatte erst unlängst dem Chef jener Regierung, der seine Schwester jetzt angehört, Rache geschworen – und nun fragt man sich, ob Schüssel durch diesen Schachzug nicht seinen gefährlichsten Gegner innerhalb der Koalition ruhigstellen wollte. Die Gerechtigkeit gebietet es, festzustellen, daß Ursula Haub-ner keinesfalls eine Marionette Haiders ist. Auch politische Gegner bestätigen, sie habe ihr Landesressort mit Sachkenntnis geführt. Nur täuscht das alles nicht darüber hinweg, daß sie ohne ihren Bruder und ohne das taktische Kalkül Schüssels niemals auf ihren jetzigen Posten gekommen wäre. Die Mutter zweier erwachsener Töchter, die seit 1968 mit einem Physiotherapeuten verheiratet ist, tritt nicht selten im Trachtenanzug auf und bezeichnet sich selbst als „gesund und frisch“. Sie sei weder „Jörgls“ „Sprachrohr“ noch seine Beraterin. Aber: er höre auf sie, wie eben Geschwister einander zuhören. Ihr Bruder sei ein „wichtiges“ FPÖ-Mitglied, auf das man auch in Zukunft nicht verzichten werde. Sogar für die Racheschwüre des Bruders gegen Schüssel zeigt sie Verständnis: Haider habe sehr viele Enttäuschungen erleben müssen und deshalb lasse er seinen Emotionen freien Lauf . Wird es dem Schwesterherz gelingen, den politischen Abgrund zwischen dem Wiener Kanzler und dem Klagenfurter Landeshauptmann zu überbrücken? Das hängt nicht zuletzt davon ab, welche Pläne der 53jährige Haider noch hat. Eine Regierung als Familienbetrieb – fast meint man, einen Hauch von Erbmonarchie zu spüren.

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