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Zwischenruf
 

Altbekannte Reflexe

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Der Rufer – Plastik von Gerhard Marcks: „Schlag gegen das anständige Deutschland von damals“ Foto: Pixelio/K. Jung

Die Forderung des Bildungsdezernenten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Christhard Wagner, der Leiter der evangelischen Nachrichtenagentur „idea“, Helmut Matthies, müsse den Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis zurückgeben, hat bei zahlreichen Kirchenmitgliedern für Empörung gesorgt.

Wagner hatte in einer Pressemitteilung behauptet, mit der Annahme des Preises sei die „Tabugrenze im Graubereich zum Rechtsextremismus verschoben“ worden. Unterdessen sind über hundert Protestschreiben am Sitz der EKM in Eisenach eingetroffen, in denen die Verunglimpfung konservativer Positionen zurückgewiesen wird. 

In diesem Sinne äußert sich nun auch der renommierte Kirchenjournalist Gernot Facius in einem Beitrag für die JUNGE FREIHEIT:

Gerhard Löwenthal lernte ich in den unruhigen späten 60er Jahren kennen. Ich war damals ein junger Redakteur beim Hessischen „Rotfunk“ in Frankfurt, und im benachbarten Mainz baute Löwenthal das ZDF-Magazin auf – als Gegengewicht zu den linksgewirkten Mainstream-Programmen der ARD. Seitdem haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Einiges konnten wir sogar gemeinsam machen.

Ohne Begründung in die rechtsradikale Ecke rücken

Eine Episode wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben. Kurz nach dem Mauerfall diskutierten wir in der Politischen Akademie Eichholz der Konrad-Adenauer-Stiftung über die gesellschaftlichen Veränderungen im vereinten Deutschland. Ich äußerte mich euphorisch über den Tod des Kommunismus. Löwenthal gab sich verhaltener: „Noch hat mir niemand die Leiche gezeigt.“ Typisch „Löwi“! Im nachhinein muß ich ihm recht geben. Der Kommunismus ist zwar verschwunden – bis auf jene Teile seines Organismus, die in der Linken am Leben erhalten werden.

Der politische Boden bleibt jedoch kontaminiert von einem unreflektierten „Antifaschismus“, wie er in der DDR Staatsdoktrin war. Dieses Gift wirkt weiter, bis hinein in Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen; selbst Angela Merkel ist nicht immun dagegen.

Daß jetzt gegen den evangelischen Pfarrer und Publizisten Helmut Matthies, Chefredakteur der evangelikal orientierten Nachrichtenagentur idea, aus seiner eigenen Kirche Stimmung gemacht wird, weil er einen nach Löwenthal benannten Ehrenpreis der mit dem JF-Herausgeber verbundenen Förderstiftung Konservative Βildung und Forschung angenommen hat, sagt einiges aus über die geistige Befindlichkeit dieses Landes im 21. Jahr nach der epochalen europäischen Wende. Offenbar genügt schon das Wort „konservativ“, um altbekannte Reflexe zu aktivieren und Stiftung und JF sowie Matthies in die rechtsradikale Ecke zu rücken; ohne nähere Begründung, versteht sich.

Praktizierte Menschenrechtspolitik

Zugegeben, der ZDF-Magazin-Mann hat es auch seinen Freunden nicht immer leicht gemacht. Er hielt sich an das Diktum Lichtenbergs: „Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.“ Gerhard Löwenthal, geprägt vom Schicksal seiner jüdischen Familie, hatte Ecken und Kanten – und Schwächen; der Präsentationsstil seiner Sendung entsprach nicht jedermanns Geschmack. Doch wie Franz Josef Strauß, Axel Springer und Matthias Walden war der einstige studentische Mitbegründer der Berliner Freien Universität ein Fels in der Brandung einer unter dem Rubrum „Realpolitik“ betriebenen Appeasement-Politik gegenüber der DDR. >>

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Auch Löwenthal hat mit seiner Sendung „Hilferufe von drüben“ Politik betrieben. Aber es war praktizierte Menschenrechtspolitik, für die ihm viele Opfer der Honecker-Mielke-Clique noch heute dankbar sind. Daß jetzt sein publizistisches und humanitäres Lebenswerk durch dubiose  Anschuldigungen eines sogenannten Bildungsreferenten der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) gegen die Stiftung, die JF und den Preisträger Matthies diskreditiert werden soll, muß alle schmerzen, die mit Löwenthal zu tun hatten. Es ist nachträglich ein Schlag gegen das anständige Deutschland von damals.

Distanzierung fällig

Ein jeder kann sich mal – vielleicht sogar in guter Absicht – vergaloppieren, selbstverständlich auch ein Oberkirchenrat. Der Skandal ist, daß der Auslöser dieses unsäglichen Vorgangs einfach wegtaucht und sich ungeachtet aller Proteste, die seine Kirchenleitung erreicht haben, nicht korrigiert. Und daß die zuständige Bischöfin Ilse Junkermann ihren Mitarbeiter nicht zur Ordnung ruft – die Bischöfin jener evangelischen Landeskirche, in der die Zahl der Mitglieder innerhalb von zehn Jahren um ein Fünftel (20 Prozent) zurückgegangen ist.

Das muß Gründe haben. Und sie dürften nicht nur in der jahrzehntelangen atheistischen Indoktrination der Menschen in Mitteldeutschland zu suchen sein, sondern auch in der unzureichenden Auseinandersetzung der Kirchenspitzen in der eigenen Rolle während der Diktatur, vielleicht auch mit einer neuen Art von Politisierung: man schließt sich lieber einem von linker Seite ausgerufenen „Kampf gegen Rechts“ an, statt sich auf Bibel und Bekenntnisschriften zu besinnen. Immerhin hat die Bischöfin in einem Anflug von Hellsichtigkeit erklärt, viele Opfer des SED-Regimes fühlten sich zu wenig wahrgenommen. Das läßt wenigstens hoffen, ersetzt aber nicht die fällige Distanzierung von dem perfiden Spiel eines Chargen in ihrem Kirchenamt. Reue, Buße und dann Wiedergutmachung, das sind doch christliche Kategorien, oder?

Die polemischen Spitzen gegen Helmut Matthies treffen einen Mann, allergisch gegen politische Extreme jeglicher Couleur, der schon 1976 als Theologiestudent die Fehlentwicklungen in der evangelischen Kirche mutig  beim Namen nannte – und damit die Zahl seiner Gegner in Kirche, Politik und Publizistik vermehrte.

Gefahr der Selbstsäkularisierung

Zur Erinnerung: Es war die Zeit, in der DKP-Pfarrer von den Kanzeln predigten (mit Duldung ihrer Oberen), katechetische Ämter marxistisches Gedankengut in den Religions- und Konfirmandenunterricht einschleusten, Evangelische Studentengemeinden, zum Beispiel in Hamburg, Linksextremisten ein Forum boten und kirchenleitende Kreise die permanente Verletzung der Menschenrechte hinter dem Eisernen Vorhang negierten. Und Matthies scheut sich auch heute nicht, seine Kirche vor der Gefahr der Selbstsäkularisierung zu warnen. Das macht ihn in den Augen unerleuchteter Funktionäre verdächtig. Zudem verantwortet er – mit Erfolg – eine evangelikale Publikation.

Evangelikale Strömungen muß man nicht unbedingt mögen, man kann sogar mit guten Argumenten manche theologische Einseitigkeit kritisieren. Einseitigkeiten und Zuspitzungen gibt es freilich auch in anderen Medien. Daß allerdings aus einem Landeskirchenamt heraus gegen Helmut Matthies, die JF und die den Gerhard-Löwenthal-Preis tragende Stiftung mit Verdächtigungen und Unterstellungen gearbeitet wird, ist einer Kirche, die sich stolz „Kirche der Freiheit“ nennt, unwürdig.
 
Gernot Facius war stellvertretender Chefredakteur der Welt. Er schreibt heute als freier Journalist über Kirche und Gesellschaft.

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