Ignoranz der zivilcouragierten Medien

Information ist demokratische Bürgerpflicht, in Anknüpfung an Bruno Bandulet (JF 48/09), Menschenpflicht. Manchmal muß man sich mit dem Informationshunger gedulden. Über eine den Demokratiealltag an der „linken“ Basis illustrierende Episode berichtete Spiegel-Online unter der Überschrift „Antisemitismus in Hamburg“ mit Verspätung am 19. November 2009. Am 25. Oktober wollte das Programmkino B-Movie „auf St. Pauli, einem traditionell linken Viertel in Hamburg“, zusammen mit einer unter „Kritikmaximierung“ firmierenden „linken Gruppierung“, den Film „Warum Israel“ zeigen. Es handelt sich um den 1973 entstandenen Debütfilm des in den 1980er Jahren durch das Dokumentarwerk „Shoah“ zu Berühmtheit gelangten Claude Lanzmann.

Zu einer Vorführung des Filmes kam es nicht. Mitglieder „des benachbarten, ebenfalls linken antiimperialistischen Zentrums namens B5“ (Spiegel-Online) hatten das Kino mit einem Metalltor versperrt. Die mit Maschinengewehren aus Holz ausgerüsteten Agitprop-Aktionisten – einer hatte sich eine auf Klopapier gemalte israelische Fahne angesteckt – wollten einen Kontrollpunkt zwischen Israel und palästinensischen Gebieten simulieren. Ein die israelische Grenzmauer abbildendes Plakat stellte die Assoziation mit der Apartheid her. Die „Antiimpis“ fotografierten und filmten alle, die durch die Sperre strebten.

Dann eskalierte der innerlinke Konflikt. Laut einem Zeugen, sein Name auf Wunsch gekürzt, sei seitens der „Blockierer“ das unfaßliche Wort „Ihr Judenschweine“ gefallen. Als er replizierte: „Jetzt sagt ihr endlich, was ihr denkt“, schlugen die „30 bis 40 Angreifer zwischen etwa 16 und 70 Jahren“ los, „ein älterer Herr“ mit dem Gürtel.

Wer aus der Altersangabe politisch korrekt schließen möchte, es habe sich um bei „Linken“ untergekrochene Alt- und Neonazis gehandelt, sieht sich  von der schriftlich nachgereichten Theorie des „internationalistischen Zentrums B5“ widerlegt. Die Aktion sei gegen eine „prozionistische Veranstaltung“ und gegen „Hetze“ gegangen. Claude Lanzmann konstatierte die Nähe gewisser links- und rechtsextremer Denkmuster. Er äußerte sich verwundert, daß die Medien das makabre Ereignis ignorierten. „Wie kann es sein, daß die Deutschen auf diesen Vorfall fast nicht reagieren.“ Vielleicht, weil derartige „linke“ Praxis den im „Kampf gegen Rechts“ zivilcouragierten Medien nicht in den Kram paßt? Laut taz sind die Kritikmaximierer „Antideutsche“: Bekloppte unter sich.

Herbert Ammon lebt als Historiker und Publizist in Berlin.

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