Die Historie den Historikern überlassen

Vor einem Jahr, im Oktober 2008, erschien der Aufruf französischer Historiker, der als „Appell von Blois“ bekannt wurde und dem sich alsbald Historiker aus vielen Nationen anschlossen. Einer seiner Kernsätze lautete: „In einem freien Staat steht keiner politischen Autorität zu, die historische Wahrheit zu definieren und die Freiheit der Historiker unter der Androhung von Strafen einzuschränken.“

Ob Kanzlerin Merkel diesen Aufruf kennt, steht dahin. Doch ihre Neigung ist unverkennbar, historische Urteile den Deutschen ex cathedra zu verkünden, und auch die internationale Staatengemeinschaft gehört zu den bevorzugten Adressaten der Kanzlerin, ihr mit geschichtspolitischen Urteilen, nicht selten auf Kosten der Deutschen, zu schmeicheln. So begann sie ihre Rede am 1. September bei der polnischen Gedächtnisfeier zum Kriegsausbruch 1939 mit dem Satz: „Heute vor 70 Jahren begann mit dem deutschen Überfall auf Polen das tragischste Kapitel in der Geschichte Europas.“ Und auch im zweiten Satz nahm sie das Klischee des „von Deutschland entfesselten Krieges“ auf.

Merkel folgte hier einem zeitgeschichtlichen Kenntnisstand, der von der internationalen Forschung inzwischen längst ad acta gelegt wurde. Beide Weltkriege hatten „viele Väter“, wie wir, gut belegt, heute wissen. Die deutsche „Alleinschuld“ an den beiden Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist eine Fama, die unterdessen nur noch von gewissen deutschen Stimmen vertreten wird, jedoch sonst in der Welt und bei manch Siegern von 1918 und 1945 längst abgehakt ist. Letztere haben freilich nichts dagegen, wenn ihnen von Deutschen in vermeintlich moralischer Absicht geschichtspolitische Gründe geliefert werden, um dann die Bundesrepublik zu Akten politischer Unterwürfigkeit zu veranlassen.

Sollte die neue Koalition in Berlin nicht endlich mit diesen Selbstbezichtigungen aufhören? Merkels Ansinnen, am 11. November mit den Alliierten in Paris den Sieg über Deutschland im Ersten Weltkrieg zu begehen, läßt nicht Gutes erahnen.

Politiker sollten bei ihren Leisten der Bewältigung der Gegenwart und Zukunft bleiben und die Urteile über die Vergangenheit den dafür Zuständigen und Kompetenten, den Historikern, überlassen. In einer freien Gesellschaft kann es, wie der Appell von Blois sagt, keine von Politikern zu verkündende historisch-politische Korrektheit geben. Allzuständigkeit der Politik ist eine totalitäre Erscheinung.

Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaft an der Universität Hohenheim.

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