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Abweichende Verhaltensweisen

In Berlin wird derzeit, pünktlich wie in jedem Frühjahr, eine intensive Auseinandersetzung geführt, die uns ein weiteres Mal die Grundformen der Streitkultur in der multikulturellen Zivilgesellschaft veranschaulicht: Es handelt sich um das Problem der „Vermüllung“ öffentlicher Grünanlagen. Nachdem über die Ostertage weite Grünflächen Berliner Parks in richtiggehende Müllkippen verwandelt worden sind, werden nun radikale Forderungen nach einer Lösung immer lauter.

Das Problem ist also bekannt, aber noch nicht gebannt. Das ist das eigentliche Problem. Der Bürger gewinnt den Eindruck, daß der Staat in diesem Bereich nicht mehr in der Lage ist, bekannte Verbote durch wirksame Kontrollen durchzusetzen. Er unterwirft sich damit „der normativen Kraft des Faktischen“, wie sich ein Berliner Kommunalpolitiker zu diesem Thema äußerte.

Den unmittelbar Verantwortlichen für diese Entwicklung ist bislang zur Behebung dieses Notstands nur die Forderung nach mehr Geld für mehr „qualifiziertes“ Personal eingefallen. Einige naheliegende Zusammenhänge werden indes kaum erörtert.

Dazu gehört die Feststellung, daß die in Politik und Gesellschaft vorherrschende Emanzipations­ideologie selbstverständlich zu dieser „Vermüllung“ beigetragen hat, wenn nicht aktiv, so durch passive Duldung und klammheimliche Zustimmung. In Pädagogik und Justiz, Publizistik und Wissenschaft war denn auch vielfach nur die Rede von „abweichenden Verhaltensweisen“ mit den bekannten Warnungen vor einer „Erziehung zur Anpassung“ und Verdächtigungen der klassischen Tugenden Ordnung, Disziplin und Sauberkeit als „Sekundärtugenden, mit denen man auch KZs leiten konnte“.

 An eindringlichen Warnungen vor diesem Werteverfall hat es bekanntlich nicht gefehlt, und zwar nicht nur von konservativer Seite; so zum Beispiel von Peter Handke, um wenigstens einen Namen zu nennen. In einem Interview mit der Welt erklärte er bereits im Sommer 1984: „Ich kann nicht absehen von dem, was um mich herum passiert. Das heißt auch: ich kann nicht absehen von einer kulturellen Fäulnis, die nach wie vor Macht ausübt, indem sie stinkt“ – und zwar nicht nur in einem metaphorischen Sinn, sondern im Vollsinn des Wortes.

Es bleibt zu hoffen, daß diese „Fäulnis“ da und dort auch heute noch einen Prozeß des Umdenkens bewirkt.

Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste Berlin.

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