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Gestelzte Wendungen

Gefallen“ oder „ums Leben gekommen“? Handelt es sich um Verluste in einem Krieg oder um Unfälle, wie sie auch im zivilen Leben passieren können? Oberst Gertz, Vorsitzender des Bundeswehrverbands, hat dieser Tage, als man den 28. deutschen Afghanistan-Toten zu Grabe trug, die Irritationen über diese Begriffsverwirrung formuliert. „Richtig müßte es heißen“, sagte er, „dieser Soldat ist für die Bundesrepublik Deutschland gefallen.“ Berlin warf er vor, „mit gestelzten Wendungen“ die Wahrheit über den Einsatz in Afghanistan zu verschleiern. Im Streit um Worte spiegeln sich die Zweifel darüber, was deutsche Soldaten in Afghanistan zu suchen haben, es enthüllt sich aber auch eine fast neurotische Scheu, die es den Deutschen schwer macht, über den militärischen Ernstfall und Soldatentod zu sprechen. Ein Beispiel dafür gab der Verteidigungsminister, als er in seiner Replik auf Gertz dessen Wort, die deutschen Soldaten befänden sich „mitten in einem Krieg“, erschrocken zurückwies. Natürlich hat diese Scheu vor klaren Begriffen mit den quasi „psychogenetischen“ Verankerungen der Katastrophe zu tun, daß unser Volk in zwei Weltkriegen in nur einem Jahrhundert biologisch zur Schlacke ausgebrannt und daß es durch die nachfolgende Umerziehung und Umkehr seines Wertesystems charakterlich umgebaut worden ist. Alte Volksweisheit hat das Wort geprägt, im Hause der Gehenkten spreche man nicht gerne vom Strick. Wenn man in einem vernichtend geschlagenen Land nichts mehr von Kriegen wissen will und selbst die Worte, die damit zu tun haben, nicht mehr so leicht über die Lippen kommen wollen, dann ist das ein begreifliches traumatisch bedingtes Tabu. Die Geschichte hat aber keine Rücksicht darauf genommen, daß wir mit unseren Tabus nicht zurande kommen. Seit den Zeiten des Kalten Krieges, als die Kriegsgegner von einst — die uns eingebleut hatten, die deutschen soldatischen Traditionen seien die Quelle allen Übels — unser Territorium und uns selbst als Soldaten brauchten, hat die Macht des Faktischen neue Verhältnisse geschaffen. Seither haben wir wieder eine Armee — doch verdrängen wir seit deren Bestehen die Wahrheit, daß der Ernstfall, für den Soldaten da sind, Krieg heißt und daß Krieg nicht vom Tod zu trennen ist. Von Anfang an durchzieht dieses Dilemma die Diskussion über Rolle und innere Verfaßtheit der Bundeswehr. Der Bildersturm, der nicht erst seit Rot-Grün durch die Kasernen fegt und in panischem Eifer die letzten Reste soldatischer Traditionen löschen soll, zeigt deutlich, daß wir diesbezüglich noch lange nicht mit uns im reinen sind. Seit Jahrzehnten haben die Deutschen ein schlechtes Gewissen, wenn sie an das Militär denken. Schon in den sechziger Jahren dekretierte Bundespräsident Heinemann vor Offizieren der Bundeswehr, nicht der Krieg sei der Ernstfall, auf den sich der Soldat vorzubereiten habe, sondern: „Der Frieden ist der Ernstfall.“ Logische Fortsetzung: „Die Bundeswehr hat versagt, wenn der erste Schuß fällt.“ Solche Sprüche haben sich in vielen Köpfen, auch bei amtierenden Politikern, festgesetzt. Sonst könnten sie wohl schwerlich sagen, deutsche Soldaten stürben am Hindukusch nicht in einem Krieg, sondern „für eine friedlichere Zukunft der Menschen in Afghanistan“. Die Entwicklung, die der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan genommen hat, wird es den Politikern aber immer schwerer machen, Schönfärberei zu betreiben. Der Einsatz einer Stabilisierungstruppe in Afghanistan führt sich ja geradezu selbst ad absurdum, wenn die Stabilität ständig abnimmt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die US-Taktik, mit Kanonen in Form von Superbombern auf Spatzen zu schießen und dabei bald mehr Hochzeitsgesellschaften als feindliche Kämpfer auszulöschen, macht „die Fremden“ immer verhaßter. Kabul ist zu schwach und zu korrupt, um Kriegsherren und Drogenbarone zu disziplinieren. Westliche Hilfe versickert zu zwei Dritteln im Korruptionssumpf, in den auch die Regierung Karsai verstrickt ist. Deren eigenen Sicherheitskräften fehlen Schlagkraft und Durchsetzungswille. Der Nachbar Pakistan ist ein lebensbedrohlicher Unsicherheitsfaktor geworden. Schon haben US-Truppen den Krieg auch in dieses Land ausgeweitet. Die einzigen Nachschubwege für das US-geführte Expeditionskorps führen aber durch Pakistan und Rußland. Jederzeit also kann der Bundeswehr der Hahn zugedreht werden. Die Alternativen sind klar: Entweder man versucht das Land, so wie es die Sowjets in den 1980er Jahren wollten,  mit immer mehr Militär zu „befrieden“. Wie der alliierte Oberbefehlshaber errechnet hat, bräuchte man dafür mindestens 400.000 Soldaten. Die Bundeswehr käme so unter Zugzwang, „die deutschen Interessen“ nicht mit 4.000 Soldaten, sondern mit dem ganzen Rest des Heeres am Hindukusch zu verteidigen. Oder man trifft politische Entscheidungen. Sicherheitsexperten, darunter soeben auch die Rand-Corporation, haben dringend empfohlen, den Krieg so nicht weiterzuführen. All diese Unzulänglichkeiten machen den Bundeswehr-Einsatz brandgefährlich. Die Öffentlichkeit erfährt dies nur scheibchenweise. Auch diskutieren soll sie nicht. Dabei wäre es zwingend geboten, über realistische Friedens- und gegebenenfalls Rückzugsszenarien nachzudenken. Sonst könnte man sehr leicht im Sumpf eines großen Krieges versinken.

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