Fürchtet Euch nicht

Die Jahreswende ist ein beliebter Anlaß zur Rück-, Um- und Vorschau. In diesem Zusammenhang ist viel von allen möglichen Gefahren die Rede – vom anwachsenden Rechtsradikalismus, vom Rückgang der Geburten oder vom Klimawandel. Erheblich weniger ist von den Gefahren des Linksradikalismus die Rede, der in der Drapierung des moralischen Rigorismus noch immer maßgebenden Einfluß auf das öffentliche Meinungsklima nimmt. In dieser Hinsicht ist noch kein "Klimawandel" zu bemerken.

Eine Erklärung dafür sind die offenen Widersprüche von dieser Seite gegen opportunistische Anpassungen an gesellschaftliche Zweckmäßigkeiten und taktische Winkelzüge zum Machterhalt sowie Verzicht auf augenblickliche Vorteile zugunsten politischer Glaubwürdigkeit. Wer möchte auch etwas gegen derart löbliche Einstellungen einwenden?

Dabei werden allerdings in zunehmendem Maße einige Grundsätze verantwortungsbewußter Kommunikation übersehen, an die bislang immer wieder einmal erinnert worden ist. Theologen und Soziologen, Schriftsteller und Publizisten unterschiedlicher Weltanschauung von den Evangelisten des Neuen Testaments über Karl Marx, Max Weber bis hin zu theologischen Ethikern unserer Zeit haben sich sehr eindeutig über die "Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" (Bertolt Brecht) geäußert und auf die notwendige Unterscheidung von "Gesinnungsethik und Verantwortungsethik" (Weber) hingewiesen. Es kommt demnach nicht darauf an, die "Wahrheit" zur alleinigen Leitlinie verantwortlichen Redens und Handelns zu machen, sondern immer auch die möglichen Reaktionen und Einstellungen der Adressaten zu bedenken. Dietrich Bonhoeffer hat in seiner "Ethik" (1943/44) hierzu bemerkt: "Es ist der Zyniker, der unter dem Anspruch, überall und jederzeit und jedem Menschen in gleicher Weise ‚die Wahrheit‘ zu sagen, nur ein totes Götzenbild zur Schau stellt. Indem er sich den Nimbus des Wahrheitsfanatikers gibt, der auf menschliche Schwächen keine Rücksicht nehmen kann, zerstört er die lebendige Wahrheit zwischen den Menschen … (Er) lebt von dem Haß gegen das Wirkliche, gegen die Welt, die von Gott geschaffen und geliebt ist."

Wir kommen von Weihnachten her und haben hoffentlich noch die Botschaft im Ohr: "Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude". Diese Botschaft sollte in der Auseinandersetzung mit allen Wahrsagern und Katastropheten bedacht werden – nicht nur zur Weihnachtszeit.

Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste Berlin.

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