Dummes Weißgeld

Nun erhielt ich wieder mal Post vom Präsidenten der nigerianischen Zentralbank. Die Schufa habe mich als „vertrauenswürdigen Geschäftsmann“ eingestuft, dem Transfer von einer Million Dollar stehe somit nichts mehr im Wege. Er hatte gleich mehrere Fragebögen mitgeschickt, aus „verständlichen Gründen“ müsse er sich absichern. Abgesehen von Fragen nach meiner Bonität und Vermögenswerten überraschte er mich mit der Mitteilung, das Kommissionsgeld habe sich „aufgrund der Vorgaben der US-Notenbank“ von zehn auf 15,5 Prozent per anum erhöht, halleluja! Ich erinnere mich an frühere Briefe, die mir in Aussicht stellten, Aktien des Internationalen Flughafens zu kaufen oder Pressesprecher der renommierten Dangote Group zu werden. Diesmal schloß der Schelm generös mit einer Einladung, ich möge so schnell wie möglich nach Lagos kommen. Normalerweise sind diese Briefe nicht mehr wert als die abgestempelte Marke auf dem Kuvert, aber es soll tatsächlich hierzulande eine Menge Leute geben, die einer solchen Einladung folgten. Der niederländische De Telegraaf sprach von einem „regelrechten Volkssport der jungen Nigerianer“, die aus der „Habgier der weißen Investoren“ alljährlich Millionengewinne erzielen, die sie dann zur Freude der Regierung versteuern. Bezeichnend, daß vielen der Afro-Popsong „I go chop your Dollar“ von Osuofia als neue Hymne gilt: „419 ist nur ein Spiel, du bist der Dummkopf, ich der Herr: Mein lieber, weißer Freund, ich werde dein Geld fressen.“ Tja, werden Sie vielleicht sagen, wenn man als Schurkenstaat noch immer von SOS-Kinderdorf als Entwicklungsland verhätschelt wird, dann muß man sich halt was einfallen lassen, um sein Image zu bessern. Aber so richtig witzig ist das nicht, denn der Text mündet in rassistischem Säbelrasseln: Die Weißen werden als geldgierige Deppen verhöhnt, denen es recht geschieht. Doch laut Angaben von Kommissar René van der Wouw schrecken die „westafrikanischen Trickbetrüger“ auch nicht vor Menschen gleicher Hautfarbe zurück. In seinem Buch „McMafia“ rekonstruierte der Brite Misha Glenny kürzlich den „größten Bankraub aller Zeiten“: Die Nigerianer erleichterten die brasilianische Banco Noroeste (früher Banco Santander) um sage und schreibe 242 Millionen Dollar! Der Coup begann mit einem ähnlichen Anschreiben wie das, was ich just erhielt. Da möchte man sich fast mit der Schweizer Band Rumpelstilz fragen: Ja, Leute, bin ich denn ein Kiosk? Oder bin ich etwa ’ne Bank?   Thor Kunkel ist Schriftsteller und u.a. Autor des Bestseller-Romans „Endstufe“.

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