Joachim Kuhs

 

Amerikas Grenze

Mit der Installierung eines Raketenschirms in Polen und Tschechien setzen die USA ihre traditionelle Europapolitik fort. Anfang 1939 legte Präsident Roosevelt den Rhein als die Ostgrenze seines Landes fest und signalisierte damit, daß er einen innereuropäischen Konfliktausgleich, der die globalpolitischen Interessen der USA unberücksichtigt ließ, niemals dulden würde. Der Zweite Weltkrieg wurde dadurch ein Stück wahrscheinlicher. Die USA würden ihn nicht beginnen, aber beenden, versprach der US-Botschafter in Paris einem polnischen Diplomaten. 1945 lag die US-Grenze bereits an der Elbe. Jetzt wird sie an die Weichsel und an die Moldau verrückt. Die verbrieften Sonderbeziehungen zu Warschau und Prag ermöglichen es Washington, die Politik der EU – gerade in bezug auf das mit den Muskeln spielende Rußland – mitzubestimmen und europäische Emanzipationsversuche zu sabotieren. Wie beide Länder zum EU-Beitritt der Türkei stehen, der den europäischen Zusammenhalt weiter schwächen wird, auf den die USA aber drängen, ist leicht zu erraten. Andererseits ist es verständlich, daß Polen, Tschechen und die übrigen Osteuropäer sich in Sicherheitsfragen lieber auf die USA als auf Westeuropa verlassen, das weder nach außen noch im Innern zu einer Politik der Selbstbehauptung fähig ist.

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