Sanfter Druck auf Väter

In einem Haushalt mit Kindern finden sich gelegentlich Bücher, deren progressiver Inhalt weniger durch den Text als vielmehr durch die Illustration zum Tragen kommt. Vorlesenden Eltern, falls sie die Augen von den Buchstaben wenden, dürften solche Szenerien geläufig sein: Wo die verschleierte Mutter auf der Wiese mit einer strickenden Blonden plauscht, die Großmutter mit Lotti-Huber-Antlitz auf dem Bolzplatz mit den Enkeln tobt und an der Haltestelle gegenüber diese Frau steht: Hosenanzug, Stöckelschuhe und Betonfrisur; auf der Schulter des Jacketts prangt eine charmante Karottenbreispur. Mit der einen Hand hält sie ein Notebook, mit der anderen winkt sie einem Mann, der sich ein kleines Kind auf den Rücken gebunden hat und von zwei größeren im Baseballkappenalter umgeben ist. Diese Frau macht augenscheinlich Karriere. Vielleicht wird sie es dereinst zur Ministerin bringen. Jene Buchillustrationen mit einem Panoptikum an urbanen Familienentwürfen, die allesamt Glück und ein diffuses Wertebewußtsein ausstrahlen: Sie sind recht eigentlich Ursula von der Leyens Welt. In dieser Welt geht alles zugleich: Kinder in Fülle, berufliche Spitzenkarriere, politisches Engagement. Der eigene Nachwuchs ist getauft, praktiziert Hausmusik (alte Werte!), nennt Papa „Dad“ und ist von kleinauf versiert im Umgang mit dem Mobiltelefon (neue Werte!). Doch jenseits der Frauenriege ihrer eigenen Partei hat es von der Leyen schwer, zu punkten, sie eckt einfach überall an: Hier als Verteidigerin christlicher Werte, dort als Befürworterin eines umfassenden Abtreibungsrechts, hier als angeblich demographiebesessene „Gebärmutter der Nation“, dort als eine, die nur vordergründig Familienpolitik betreibe und in Wahrheit einem ökonomistischen Weltbild voller Karrierefrauen das Wort rede. Tatsächlich kennzeichnet die Haltung der Ministerin das künftige Familienbild der Union. Denn: Bedenken und Einwürfe einzelner Unionsmänner hin oder her – das nun zur Debatte stehende Elterngeld wird kommen. Und zwar mehr oder minder in der von der Ministerin anvisierten Form. Zwei wesentliche Änderungen gegenüber dem bisherigen Erziehungsgeld stehen in der Kritik, während ein dritter Punkt, womöglich der gewichtigste, im Getöse um das lebensrichtige Frauenbild weitgehend untergeht. Erstens: Durch das Heranziehen des bisherigen Familienverdienstes wird zunächst niemand schlechter gestellt als bei der bisherigen Regelung. Statt dessen kommen nun auch diejenigen auf einen Teil ihrer Kosten, die bislang leer ausgingen, weil das alte Erziehungsgeld nur Geringverdiener berücksichtigte. Die anfallenden Opportunitätskosten einer pausierenden Erwerbstätigen sind de facto höher als die einer Hausfrau oder Hilfskraft. Dies auszugleichen, ist ein realistisches Ansinnen, das nicht mit dem Universalhinweis auf „soziale Ungerechtigkeit“ bekämpft werden muß. Die Forderung nach einem Hausfrauengehalt wäre ein anderer Kampfplatz. Fraglich bleibt allein die Effizienz in demographischer Hinsicht: Daß sich etwa eine Akademikerin ein Kind „nicht leisten“ könne, hat man noch nie gehört – wohl aber, und dies häufig, aus dem Mund von Paaren, wo die Mutter nach vielleicht zwei Kindern und einigen Jahren als Hausfrau sich aus finanziellen Erwägungen lieber an den außerhäuslichen Arbeitsplatz denn erneut ins Wochenbett begibt. Zweitens, die sogenannte Väterkomponente, die von der Leyen gerne obligatorisch hätte: Hier sind wir inmitten der Bilderbuchszene -und jenseits lebenswirklicher Wünschbarkeiten. Inwiefern hat väterliches Engagement notwendig mit einer häuslichen Vollzeitbeschäftigung rund um ein Kleinkind zu tun? Wo ist die Statistik, die Umfrage, die den in den vergangenen Jahren sprunghaft gesunkenen Kinderwunsch bei Männern auf mangelnde Einbeziehung in die häusliche Sphäre zurückführt? Wozu, wenn nicht zur Implementierung einer spätfeministischen Ideologie, soll dieser „sanfte Druck auf Väter“ (Peter Müller) zum Zwecke der „Ermöglichung von Erziehungsverantwortung“ (Ronald Pofalla) führen? Die Bindung eines voll ausgezahlten Elterngeldes an Hausmann-Monate dient weder höheren Geburtenraten, niedrigeren Scheidungszahlen, besseren Schulergebnissen noch einem irgendwie optimierten Erziehungsresultat, sondern allein dem Zweck, Mütter noch früher an den Arbeitsplatz zurückzuführen. Womit wir beim dritten Punkt wären: Von der Leyens Familienpolitik ist eine für den Arbeitsmarkt, anstatt eine für Kinder zu sein. Fast vergessen wird nämlich, daß das alte Erziehungsgeld Mutter oder Vater (hier noch frei wählbar) eine zwei-, in einigen Bundesländern gar dreijährige geförderte Erwerbspause gönnte, die nun auf zehn Monate schrumpft. Abgesehen davon, daß unsere Betreuungslandschaft institutionell gar nicht für einjährige Kleinkinder eingerichtet ist: Die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung ist das, was vor lauter Frauenbild, Männerpflicht und beidseitigem Marktvorteil einmal mehr kein Gewicht hat. Wie hatte von der Leyen geantwortet, als sie vor Zeiten gefragt wurde, wie sie, zurückversetzt in ihre Kindheit, zur Aussicht auf eine ganztägige Betreuung durch „professionelle“ Kräfte reagiert hätte? Sie hat mit den Schultern gezuckt, oder? „Von der Leyens Familienpolitik ist eine für den Arbeitsmarkt, statt eine für Kinder zu sein. Die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung hat einmal mehr kein Gewicht.“ Foto: Warmer Regen aus Steuergeldern …

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles