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Jenseits von Gut und Böse

Über achtzig Prozent aller (West-) Europäer, auch aller Deutschen quer durch die Parteiungen hindurch, halten US-Präsident George W. Bush für ein politisches Verhängnis und wünschen bei den kommenden Wahlen am 2. November seinem Herausforderer John Kerry den Sieg. Das Mißtrauen und die Skepsis gegenüber Amerika sind seit dem Antritt der Bush-Regierung sprunghaft gewachsen. Die einst so solide „Atlantikbrücke“ ist nur noch ein schwankender Hängesteg, dessen Bohlen immer morscher werden. Grund für die Katastrophe ist vor allem Bushs Außenpolitik. Der mit lauter Lügen gerechtfertigte Angriff auf den Irak hat die Welt nicht sicherer, sondern unsicherer gemacht, hat den internationalen Terrorismus nicht ausgetreten, sondern erst richtig angefacht. Und die ihn begleitende offizielle Rhetorik, die sogenannte „Bush-Doktrin“, der zufolge sich die USA herausnehmen, jedes beliebige Land, das ihnen zu mächtig zu werden droht, mit präventivem Krieg zu überziehen, und zwar ohne vorher die UN oder traditionelle Verbündete zu konsultieren, hat die neue Unsicherheit schon fast auf die Spitze getrieben. Alle Welt erkennt nun, daß es neben dem Terrorismus einen weiteren hochgefährlichen Aggressionsherd in der internationalen Politik der Gegenwart gibt: den „US-Imperialismus“, den einzuhegen fast unmöglich erscheint. Faktisch jedes Land kann zum Aggressionsobjekt werden. Angeblich liefert das Maß an Demokratie, das die jeweils ins Visier geratenden Staaten erreicht bzw. nicht erreicht haben, das Kriterium für einen „notwendigen“ Überfall, doch ist das reiner Schwindel, wie bereits der gröbste Augenschein lehrt. Unter den erklärten Partnern der Bush-Regierung im „Krieg gegen den Terror“ befinden sich schlimmste Demokratie-Verächter, ohne daß dies der Partnerschaft den geringsten Abbruch täte. Andererseits geraten die in den „befreiten“ Staaten arrangierten Wahlen zur reinen Farce, erinnern fatal an jene „freien Wahlen“, wie sie einst in den kommunistischen „Volksdemokratien“ üblich waren. Auch in anderer Hinsicht tritt immer deutlicher die Fratze des (angeblich überwundenen) totalitären zwanzigsten Jahrhunderts hervor. Der aggressive, unverblümt unilaterale Interventionismus wird begleitet von einer Weltbeglückungs-Ideologie, wie sie in dieser Totalität nur noch die Sowjetunion zu propagieren gewagt hat. Bushs „neokonservatives“ Establishment preist sich allen Ernstes als von der Geschichte vorherbestimmtes Heilsmodell für alle übrigen Völker und Kulturen an. Je nach dem, wie weit sie dieses Heilsmodell akzeptieren oder ihm zumindest Beifall spenden, werden die Völker und Kulturen eingeteilt in gut oder böse, gottgefällig oder vom Teufel besessen. Ein zelotisches, geradezu monströses Manichäertum hält Einzug und brennt die bisher ein- und hochgehaltenen Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit weg. Vertreter des „Bösen“, gefangene Taliban etwa oder irgendwie in Verdacht geratene Untersuchungshäftlinge, werden nicht einmal mehr als reguläre Feinde behandelt, ihnen werden sämtliche Bürger- und Menschenrechte abgesprochen, man setzt sie nach Gusto in Dauerhaft ohne Zugang zu Anwalt und Öffentlichkeit, man foltert und demütigt sie, verhöhnt ihre angestammten Bräuche und Überzeugungen. Da das Ganze unter dem Signum des Konservatismus, wenn auch eines bis dato unbekannten „Neo-Konservatismus“, abrollt, fühlen sich nicht zuletzt und vor allem überzeugte Konservative durch das Treiben der Regierung Bush herausgefordert. Vertreter des „alten“, gediegenen US-Konservatismus, von William Buckley jun. bis Pat Buchanan, haben unmißverständlich klar gemacht, daß sie damit nichts zu tun haben wollen. In der Tat ist wahrer Konservatismus schlichtweg inkompatibel mit Imperialismus und Manichäertum. Er setzt nicht auf am Schreibtisch ausgedachte Weltbeglückungspläne, sondern auf organische, im Lauf der Jahrhunderte gewachsene Lebensstrukturen und regionale Sonderwege, die er bedachtsam und punktgenau an neue Lagen anpaßt, den Raum mit der Zeit versöhnend. Wahrer Konservatismus setzt nicht auf von einer einzigen Schaltzentrale geprägte „Weltkultur“, die notwendig in Bürokratie und Gleichmacherei einmünden muß, sondern auf die Vielfalt der Völker und Kulturen, Herrschaftssysteme und Formen der Machtausübung einbegriffen. Wahrer Konservatismus teilt die Welt nicht ein in Gut und Böse, weil er weiß, daß es „in unseres Vaters Haus“ viele Wohnungen gibt und daß keine von ihnen das Vorzimmer Gottes ist. Leider wird der wahre Konservatismus diesmal bei den US-Wahlen keine Chance erhalten. Die Entscheidung fällt zwischen einem degenerierten, gleichmacherischen „Neo-Konservatismus“ à la Bush und einem Wischiwaschi-Liberalismus à la John Kerry, der die Dinge eher verkleistert statt verbessert. Wichtiger für Europa als die Frage, wer in den USA die Wahl gewinnt, ist ohnehin die an sich hierzulande schon lange fällige Einsicht, daß es nicht vorrangig darauf ankommt, sich nach dem (Prokrustes-)Bett anderer Mächte zu strecken, daß man vielmehr mit Selbstbewußtsein und Energie das je Eigene vorantreibt, es in guter Ordnung hält und es gegen überhebliche Zugriffe von außen so gut wie möglich immunisiert.

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