Empathie

Rechtzeitig zu den Landtagswahlen im September ist durchgesickert, daß ein vor einigen Wochen aus St. Petersburg eingeflogenes dreijähriges Mädchen das häusliche Glück des Kanzlers komplettiert. Deutschland ist gerührt. Sogar Edmund Stoiber, sonst eher als Repräsentant einer technokratischen, jeglichen Gefühlen abholden Politik bekannt, spricht seinen „großen Respekt“ für diese mutige Entscheidung aus. Nur einige Möchtegern-Adoptiveltern, denen die Bürokratie bislang die Erfüllung des Kinderwunsches verwehrte, mäkeln. Der Familie Schröder, so ihre Unterstellung, habe wohl ihr Prominentenbonus dazu verholfen, daß alles so schnell und unkompliziert über die Bühne gegangen ist. Diese Neidhammel vermögen die allgemeine Freude jedoch nicht wirklich zu trüben und müssen sich sagen lassen, daß es letztlich ihre eigene Schuld ist, wenn sie durch ihre vermeintliche Lebensleistung nicht berühmt geworden sind. Vor der Bundespressekonferenz hat sich der Kanzler zu Details des Vorganges ausgeschwiegen und darauf verwiesen, daß sogar er ein Recht auf Privatleben habe. Eine Alternative zu dieser scheinbar restriktiven Informationspolitik stand ihm jedoch auch gar nicht offen. Hätte er das, was die Medien, aus welchen Quellen auch immer schöpfend, verbreitet haben, höchstpersönlich an die Öffentlichkeit getragen, wäre unweigerlich der infame Vorwurf laut geworden, hier instrumentalisiere jemand ein kleines, wehrloses Kind, um trotz einer miserablen Regierungsbilanz auf populistische Weise Stimmen einzuheimsen. Gerade dieses Ziel läßt sich, wenn überhaupt, aber nur dann erreichen, wenn man sich, wie es von Gerhard Schröder praktiziert worden ist, selber in Zurückhaltung übt. Wer also geglaubt haben sollte, sein Scheitern in der praktischen Politik hätte ihn auch seiner Fähigkeit beraubt, mit Stimmungen in der Bevölkerung strategisch zu spielen, sollte eines besseren belehrt sein. Gerhard Schröder ist immer noch der Medienkanzler, als der er angetreten ist – und wird ein solcher wohl bis ans Ende seiner Tage im Amt bleiben. Natürlich vermag man nicht auszuschließen, daß die sympathische Facette, die es im Wesen des Kanzlers plötzlich zu entdecken gibt, seinen Genossen bei dem anstehenden Wahlmarathon nur wenig wird nutzen können. So mancher aber, der der SPD einen Denkzettel erteilen will, wird ins Grübeln geraten, ob sie nicht vielleicht doch noch wenigstens an der Spitze eine Partei mit Herz ist – vielleicht nicht unbedingt für die vielen, die morgen in unserem Land arm dran sein werden, so aber doch für jene, die schon heute anderswo auf der Welt benachteiligt sind. Damit wäre die Verantwortung für die etwaigen Wahldebakel gerade an jene delegiert, die sie so gerne nach Berlin schieben würden: Der Kanzler hat getan, was er konnte, um die Herzen der Menschen zu erobern. Die Versager, denen es an Einfühlungsvermögen mangelt, sitzen vor Ort – in den Ländern und Kommunen.

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