Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Bildungsauftrag

Wie keine andere Industrie- und Dienstleistungsnation baut Deutschland in seinem Bildungswesen auf den Erfahrungsschatz der älteren Generation. Gerade einmal 29 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen sind im OECD-Durchschnitt älter als 50 Jahre – unser Land kann hier hingegen mit stolzen 51 Prozent aufwarten. Auch an den Grundschulen stellen wir in dieser Hinsicht die Vergleichsstaaten deutlich in den Schatten. Leider ist das Unvermögen, aus Erfolgsmeldungen Zuversicht zu schöpfen, in Deutschland aber weit verbreitet, und so wird auch diese prompt wieder zur Standortmäkelei umfunktioniert. Eine Vergreisung der Lehrerkollegien greife um sich, heißt es, und flugs sind die Schuldigen für die vermeintliche Bildungsmisere gefunden: die „alten“ Pädagogen, die angeblich antiquierte Inhalte mit überholten Methoden vermitteln wollen und dabei keinen Zugang zu ihren Schülern mehr finden. Diese Sichtweise ist aber so demagogisch wie kurzsichtig, suggeriert sie doch, daß die Maßstäbe, die die sogenannte freie Wirtschaft in der strukturellen Ausgrenzung der Beschäftigten jenseits des vierzigsten Lebensjahres setzt, naturgegeben und zukunftsweisend seien. Ausgeblendet werden dabei die Schlußfolgerungen, die aus der demographischen Entwicklung zu ziehen sind. Wenn die Lebensarbeitszeit der Menschen generell länger zu werden hat, muß man ihnen auch die Chance bieten, dieser Verpflichtung nachzukommen. Da Lehrer hier kaum eine Ausnahme machen dürften, wird also auch ihr Altersdurchschnitt über die Zeit eher steigen als sinken. Nachteile, die dies den Schülern brächte, sind nicht zu erkennen. Selbst die Lehrer, die heute die Pensionsgrenze erreichen, sind in der Regel bereits durch die Reformbewegung der sechziger und siebziger Jahre geprägt worden und damit Garanten eines konsequent bis hin zu den Sekundärtugenden entnazifizierten Bildungswesens. Auch wenn sie sich fachlich nicht übermäßig weitergebildet haben sollten, stehen sie hinsichtlich der Aktualität ihres Kenntnisstandes nicht hinter den meisten Lehrmitteln zurück, die sie umzusetzen haben. Durch ihr Vorbild wecken sie bei jungen Menschen die Einsicht, daß die Alten zu achten sind, selbst wenn ihre Handy-Klingeltöne langweilig sind, sie nur wenig Wissen über GZSZ oder DSDS zu erkennen geben und ihre Drogenerfahrungen lange zurückliegen. Darüber hinaus darf die Bedeutung der Bildung für die Zukunft unseres Landes per se nicht überschätzt werden. Es bleibt auch jungen Menschen nicht verborgen, daß die Qualifikationen, die sie mühevoll anstreben, ihnen im späteren Berufsleben möglicherweise gar nichts nutzen. Die Politik definiert freimütig als neue Kernaufgabe der Schulen, im Interesse erwerbstätiger Eltern eine möglichst ganztägige Betreuung der Jugendlichen sicherzustellen. Diesem neuen Bildungsauftrag aber kann eigentlich jeder Pädagoge gerecht werden – unabhängig davon, wie alt oder qualifiziert er ist.

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