Vergessener Kriegsgrund

Erst gut acht Wochen ist es her, als der amerikanische Außenminister Powell in einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat angeblich unumstößliche Belege dafür präsentierte, daß der Irak Massenvernichtungswaffen biologischer und chemischer Art besäße und an der Herstellung atomarer Waffensysteme arbeite. Der damit verknüpfte Vorwurf, daß die Führung des Landes am Tigris die Kontrolleure letztlich nur „an der Nase herumgeführt“ habe und somit gegen die Auflagen der Weltorganisation verstieße, diente als Anlaß für die ultimative Kriegsdrohung. Nur wenige Tage später wurde dann tatsächlich – noch bevor die verbreiteten Zweifel an der Echtheit der Dokumente ausgeräumt werden konnten – „losgeschlagen“. Seitdem ist durch Presse, Rundfunk und Fernsehen alles Mögliche zum Thema Irak aufgegriffen und erörtert worden. Nur ein Thema – nämlich die Waffen und damit der eigentliche Kriegsanlaß – spielt nahezu keine Rolle mehr. War das Ausbleiben des letzten Beweises bis vor drei Wochen noch mit dem schwierigen Zugang in den Irak halbwegs begründbar, so wirkt das derzeitige Schweigen doch mehr als bezeichnend. Zumal neben der absoluten Luftkontrolle auch der Präsidentenpalast und große Teile des „Palastes der Republik“ in amerikanischer Hand sein sollen, wo man diese Waffen vermutete. Merkwürdig ist auch, daß der als vollkommen skrupellos geschilderte Bagdader Hasardeur Hussein auf deren Einsatz verzichtete. Ein altes Sprichwort besagt, daß Elefanten nie vergessen würden. Ein Glück, daß diese Zeit bei Menschen weniger als acht Wochen beträgt.

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