Tage von Potsdam

Bleibt Potsdam weiter eine geschichtslose Stadt? Werden ihr – nach der kommunistischen Beseitigung von Baudenkmalen wie dem Stadtschloß und der Garnisonkirche – nun auch noch große historische Figuren aus dem Gesicht gerissen? In der Stadtverordnetenversammlung am Mittwoch stand eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürde auf der Tagesordnung. Es ging nicht um Führungsfiguren der Nationalsozialisten, sondern um den letzten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der das Amt neun Jahre innehatte und im Volk wie parteiübergreifend als „Ersatzkaiser“ sehr große Sympathien genoß. Federführend für diesen Vorschlag war die Fraktion „Die Andere“, in Potsdam auch als Sprachrohr der linksradikalen Szene bekannt. Auch die PDS pflichtete geschlossen dem Vorschlag bei. Scheiterten die Postsozialisten noch vor gut zehn Jahren mit einem ähnlichen Vorstoß, sieht es diesmal anders aus. Die SPD-Fraktion signalisierte nämlich in Teilen die Bereitschaft, der skandalösen Aberkennung zuzustimmen. Günther Rüdiger, kulturpolitischer Sprecher der Sozialdemokraten, will dem Anliegen nur dann folgen, „wenn die Ernennung im Zusammenhang mit dem unseligen Tag von Potsdam erfolgt sein sollte“. Nicht nur in Anbetracht der Tatsache, daß Hindenburg gegen Hitler stets heftige Antipathien hatte, ein Skandal: die Sozialdemokraten erweisen sich als gedächtnislos! Schließlich war es die SPD, die bei der Stichwahl zum Reichspräsidenten 1932 auf Plakaten für ihren 85jährigen Kandidaten warb: „Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!“

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