Sahnestückchen

Knapp achtzehn Monate ist es her, daß Michael Steiner aus der unterentwickelten Sensibilität der deutschen Öffentlichkeit für die erlesenen Lebensbedürfnisse herausragender Männer die ehrenvolle Konsequenz zog und seinen Posten als außenpolitischer Berater des Kanzlers zur Verfügung stellte. Nun hat er auch die nächste Station seiner glanzvollen Karriere mit Bravour hinter sich gebracht. Im Sommer wird er seine einträgliche Tätigkeit als Chef der UNO-Verwaltung im Kosovo beenden. Er hat länger als seine Vorgänger in Pristina residiert und muß auch den Vergleich mit ihrer Leistungsbilanz nicht scheuen. Zu voreiligen Weichenstellungen über die Zukunft dieses nach den völkerrechtlichen Vorstellungen des vergangenen Jahrhunderts zu Serbien gehörenden Gebietes ist es auch unter ihm nicht gekommen. Die Kosovo-Frage ist und bleibt offen. Es entwickelt sich eine blühende Zivilgesellschaft auf dem Fundament von außen garantierter Stabilität. Dieses darf den Menschen in der Region nie wieder entzogen werden. Ohne Frage gibt es auf unserem Erdball Regionen, die für die Sicherheit und den Wohlstand der nordatlantischen Hemisphäre wichtiger sind als ausgerechnet der Balkan. Dennoch sollten wir die Erfahrungen, die insbesondere in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo, aber auch in Mazedonien gesammelt wurden und werden, nicht geringschätzen. Noch vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, daß sich die Menschen in den westlichen Demokratien damit abfinden, daß in ihrem Namen Protektorate über Bevölkerungen errichtet werden, die mit sich selbst nicht zurecht zu kommen scheinen. Man lebte in der naiven Vorstellung, die Prinzipien der staatlichen Souveränität und der Nichteinmischung, die man so ausdauernd und so akribisch gegen die Aspirationen der Sowjetunion verteidigt hatte, würden das Ende des Kalten Krieges nicht nur unangefochten, sondern triumphierend überdauern. Heute ist man klüger. Es wird nicht länger so getan, als wäre die internationale Rechtsordnung ein Selbstzweck. Die eigenen Interessen gelten als legitim, auch wenn sie auf Kosten Schwächerer durchgesetzt werden müssen. Natürlich kann man den Prozeß der Dekolonisierung nicht ungeschehen machen. Dies wäre auch gar nicht wünschenswert. Der alte Imperialismus war schließlich nicht marktwirtschaftlich durchdacht, sondern vormodern und maßlos. Man teilte die ganze Welt unter sich auf, anstatt sich auf die Sahnestückchen zu konzentrieren. Diesen Fehler will niemand wiederholen. Heute wäre es beispielsweise nicht mehr zu rechtfertigen, ganz Afrika kontrollieren zu wollen: Es kommt nur auf ausgewählte Regionen wie etwa den Kongo an. Um derartige Problemgebiete nachhaltig sichern zu können, brauchen wir nicht nur schlagkräftige Interventionstruppen, sondern auch entschlossene Zivilbeamte vom Format antiker Statthalter. Steiner hat sich durch sein Engagement im Kosovo hier sicher für höhere Aufgaben in der Kolonialverwaltung empfohlen.

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