Joachim Kuhs

 

Keine Privilegien

Angriff ist die beste Verteidigung. In der Hamburger Schmuddel-Affäre war der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) in die Offensive gegangen und hatte kurzentschlossen Innensenator Ronald Schill gefeuert, weil dieser „charakterlich für das Amt ungeeignet“ sei. Schill habe ihm gedroht, für den Fall des Entlassung seines Staatsrates öffentlich zu machen, daß Beust seinen „homosexuellen Lebenspartner Roger Kusch (CDU) zum Justizsenator gemacht und damit Privates und Politisches verquickt“ habe. Beust wies die Behauptung als ungeheuerlich zurück. Im überwiegenden Teil der veröffentlichten Meinung sind die Rollen dieses Schmierenstücks eindeutig verteilt: Beust ist der Gute, der als „Rechtspopulist“ gescholtene Schill natürlich der Böse. „Dreckige Homo-Erpressung“, titelte die Bild-Zeitung voller Verachtung. Die Linke jubiliert über den Sturz eines ungeliebten Politikers. Sogar der Generalbundesanwalt sollte wegen versuchter Nötigung eines Verfassungsorgans ermitteln – was dieser aber ablehnte. In dieser Stimmung wagt kaum noch einer zu fragen, ob vielleicht nicht doch ein Regierungschef sein „Verhältnis“ ins Kabinett gehievt hat. Dies gilt es aufzuklären – auch wenn man Schill nicht mag. Doch CDU-Chefin Angela Merkel hat „volles Vertrauen zu allem, was die Hamburger Parteifreunde tun“. Daß es sich möglicherweise doch um einen Fall von Vetternwirtschaft handeln könnte, kommt ihr wohl nicht in den Sinn. Dabei muß für Schwule der gleiche Maßstab wie für Heterosexuelle gelten: Wer Amt und Privatleben nicht auseinanderhalten kann, hat in politischen Führungsämtern nichts verloren.

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