Humankapital

Inmitten der Modernisierung des Sozialstaates gibt es immer wieder auch Meldungen, die einen versöhnlich stimmen: Die Kassenärzte und die Krankenkassen haben sich darauf geeinigt, daß Notfallpatienten weiterhin auch dann behandelt werden sollen, wenn sie die ab 2004 fälligen zehn Euro Praxisgebühr nicht in bar mit sich führen. Wer also beispielsweise eine Verletzung erleidet, darf direkt seinen Arzt aufsuchen und muß nicht vorher Station bei einem Geldautomaten machen. Er kann seinen Beitrag zur Stärkung der Eigenverantwortung der Bürger später per Überweisung leisten. Das Prinzip der Reform des Gesundheitswesens bleibt durch diese Regelung natürlich unangetastet. Es steht im Kontext der generellen Rückbesinnung auf die Wurzeln unserer Wirtschaftsordnung, die durch Bismarck, Hitler und Erhard verschüttet wurden. Das Ziel ist eine freie Gesellschaft, in der sich der Staat auf den Schutz (und bei Bedarf die Durchsetzung) von Eigentumsrechten beschränkt und jeder Einzelne ganz allein für sich selbst sorgen kann, ohne über aufgezwungene Umverteilungsmechanismen andere alimentieren zu müssen. Wie immer in der Politik, wird eine solche Vision nie vollständig zu verwirklichen sein, weil man ganz einfach auch mit der Macht der Unvernunft und der unterentwickelten Bereitschaft vieler rechnen muß, aus Einsicht Verzicht zu leisten. Da die Signale aus allen relevanten politischen Lagern eindeutig sind, dürfen wir aber guten Mutes sein, diesem Ziel so nahe zu kommen wie niemals zuvor, jedenfalls im ganzen zwanzigsten Jahrhundert nicht. Es liegt in der Natur der Sache, daß dieser Wandel seine Verlierer produzieren wird. Das ist immer so, wenn Menschen Privilegien aufgeben müssen. Man darf aber die positiven Aspekte nicht verkennen: Diejenigen, die sich bislang unter Berufung auf den Status des sozial Schwachen aus den Töpfen der öffentlichen Hand bedienten, erhalten die Gelegenheit, zu überprüfen, ob sie in ihrer Selbsteinschätzung richtig lagen. Die meisten dürften sicherlich feststellen, daß sie sich nicht geirrt haben. Sie werden sich erkennbar schlechter stellen, weil sie aus eigener Kraft den Entzug von Sozialleistungen nie werden kompensieren können. Ihnen bleibt aber das gute Gewissen, nicht zu Unrecht den überkommenen Wohlfahrtsstaat in Anspruch genommen zu haben. Mit dessen Abschaffung werden sie sich gleichwohl abfinden müssen. Die Gesundheitsreform ist das Bekenntnis, daß die Zweiklassengesellschaft in der medizinischen Versorgung kein Übel darstellt. Es ist falsch zu sagen: Wohlhabende Menschen können sich bessere Ärzte und bessere Medikamente leisten, weil sie mehr Geld haben. Richtig ist: Wohlhabende Menschen haben in einer Marktgesellschaft einen höheren Wert und verdienen daher bevorzugte Behandlung. Wer mehr verdient, hat offensichtlich auch mehr Humankapital akkumuliert, zu dessen Erhaltung die ökonomische Rationalität einen entsprechend höheren Mittelaufwand gebietet.

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