Gesetz gegen Niedrigpreise verschärfen?

Qualität und Produktsicherheit sind auf Dauer sicherlich nicht zu Dumpingpreisen zu haben – da stimmen wir mit Frau Künast überein. Der Preiskrieg, der zur Zeit im Lebensmittelhandel stattfindet, geht früher oder später zu Lasten der Qualität. Das haben bereits genügend Lebensmittelkrisen gezeigt. Sorgfältige Rohstoffauswahl, schonende Verarbeitung und strenge Kontrollen haben ihren Preis. Aus diesem Grunde werden und können wir uns als Facheinzelhandel an dieser aggressiven Preispolitik nicht beteiligen. Unsere Kernkompetenzen liegen in der Qualität (eigene neuform-Kriterien für jede einzelne Produktgruppe, Verzicht auf chemisch-synthetische Zusatzstoffe, keine Fetthärtung, keine Gentechnik, keine radioaktive Bestrahlung) und Produktsicherheit (eigenes Kontroll-Labor) sowie in der qualifizierten Fachberatung (Reformhaus Fachakademie). Aber vielleicht sollte man bei dieser Gelegenheit auch den Begriff „Qualität“ einmal hinterfragen. Jeder Hersteller spricht heute von Qualität, die jedoch für den Endverbraucher oft schwer nachvollziehbar ist. Qualität sieht man einem Produkt von außen nicht immer an. Der Preis dagegen ist ein schnelles Entscheidungskriterium. Ein Kriterium, das aber auch sehr irreführend sein kann. Nämlich dann, wenn die Qualität nicht stimmt. Gerade im Bereich der Lebensmittel würde mehr Verbraucheraufklärung gut tun. Auch wenn es etwas Mühe kostet, sich damit zu beschäftigen, woher ein Produkt kommt, wie es hergestellt wurde und welche Inhaltsstoffe es hat. Es lohnt sich in jedem Fall, schließlich geht es um die eigene Gesundheit. Dann dürfen wir aber auch nicht mehr weiter auf den Schnäppchenjäger setzen, sondern auf den mündigen und kritischen Verbraucher. Birgit Blome ist Pressesprecherin des Bundesfachverbandes Deutscher Reformhäuser e.V. (refo) in Oberursel. Es paßt nicht zusammen, wenn Ministerin Künast im letzten Jahr noch den Wegfall des Rabattgesetzes begrüßte, nun aber den Preiswettbewerb der Discounter brandmarkt. Widersprüchlich ist ferner, wenn sie im jüngsten Interview auf die gestärkte Lebensmittelüberwachung stolz ist, zugleich aber die Qualität von Discounterangeboten bezweifelt. Bemerkenswert ist schließlich, Verbrauchern die Preisorientierung vorzuhalten, um für die Agrarwirtschaft höhere Erzeugerpreise herauszuholen. Das Preisbewußtsein der Konsumenten ist nicht zuletzt die Reaktion auf spürbare Realeinkommenseinbußen sowie Stagnation und Verunsicherung. Eine Niedrigpreisstrategie ist keinesfalls gleichzusetzen mit Dumping. Im übrigen verbietet Paragraph 20 Absatz 4 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen bereits den dauerhaften Verkauf unter Einstandspreis, ein Punkt, den auch die Bundesjustizministerin Zypries jetzt unterstrich. Gesetzesverschärfungen sind folglich unangebracht. Für die Disziplinierung sorgen die Wettbewerber ohnehin selbst, durch argwöhnische Beobachtung untereinander. Niedrigpreise sind bei gegebener Qualität zum einen die Folge eines Überangebots auf der Erzeugerseite. Das Erfolgsrezept der Discounter aber lautet ‚Kostenführerschaft‘. Nur so können selbst bei geringen Margen über die Menge vorzeigbare Renditen erwirtschaftet werden. Die Ministerin hat es in der Hand, über Produktvorgaben Qualitätsstandards zu setzen, die Verbraucherpreise aber regelt der Markt. Die Discounterschelte grenzt an Diskreditierung – eigentlich. Nehmen wir sie statt dessen als unverhoffte Werbung für eine erfolgreiche Handelsvertriebsform, die unter anderen kontrollierte Bioerzeugnisse und viele Produkte, die von der Stiftung Warentest gelobt werden, anbietet. Wem anderes vorschwebt, findet auf dem Markt Alternativen, mit anderen Qualitäten und zu anderen Preisen. Dr. August Ortmeyer ist Fachbereichsleiter für Dienstleistungen, Infrastruktur und Regionalpolitik beim Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHK).

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