Ethischer Pluralismus

Auf die Frage nach dem religiösen Moment erklärte der EU-Konventspräsident Valéry Giscard d’Estaing in einem Zeit-Interview am 30. Januar 2003, Europa müsse „seit dem 19. Jahrhundert mit einem doppelten Erbe leben, einem spirituellen, religiösen Erbe und einem rein weltlichen politischen System, in dem die Religion keine Rolle“ spiele. Daher scheine ihm „persönlich ein Bezug auf Gott nicht angebracht.“ Andere dächten da anders, zum Beispiel in Polen: „Für einen Polen heißt „Gott“ einfach Christus. Denn die allermeisten dort sind Katholiken. In Frankreich liest sich das anders. Dort gibt es Protestanten, Juden, Muslime.“ „Gott“ habe nicht mehr denselben Inhalt. Mit dem Begriff meine man das Spirituelle, Religiöse, und das sei „allerdings sehr wichtig“. Der überwiegende Teil der Europäer dürfte mit der Meinung des französischen Politikers einverstanden sein, denn offensichtlich ist sie tolerant und läßt jeden nach seiner eigenen Fasson selig werden. Dabei wird aber übersehen, daß die Säkularisation – das „weltliche politische System“ – nicht nur ein spezifisch abendländisches Ereignis ist, sondern sich auch gewaltsam gegen ein „religiöses politisches System“ durchgesetzt hat. Zu Erinnern ist an die fürchterlichen Ausschreitungen gegen die Kirche, die 1789 im Namen einer autonomen Vernunft begangen wurden. Die Französische Revolution begründete nicht nur den laizistischen Staat, sie wurde auch die Mutter aller totalitären Staatsformen, die sie in den folgenden Jahrhunderten gebären sollte. Allen diesen Staaten ist und war gemein, daß sie theoretisch ein Paradies für ihre Einwohner waren, in Wirklichkeit aber ein grausames Regiment führten. Diese Regime wurden unmenschlich, weil sie nur den Menschen als einzigen Maßstab anerkannten, eine höhere Ordnung aber leugneten. Man braucht als Zeuge des 20. Jahrhunderts nicht gläubig zu sein, um diese Tatsache als eine objektive Wahrheit anzuerkennen. Es gibt auch nicht mehr den bequemen Ausweg, auf das von der Aufklärung als „finster“ diffamierte Mittelalter zu verweisen, mit dem verglichen die sozialistischen Utopien erstrahlen: Die Forschung hat inzwischen nachgewiesen, daß die Verdunkelung – zum Beispiel die Hexenverbrennungen – vor allem mit dem Heraufdämmern der Neuzeit begann. Eine „vertikale Dimension“ ist daher für ein gerechtes Gemeinwesen unerläßlich. In Bezug auf den Frieden erklärte Joachim Kardinal Meisner am 30. Januar 2003 im Kölner Dom: „Der Frieden unter den Menschen kann nicht nur eine horizontale Angelegenheit der Vereinbarung zwischen einzelnen Menschen, Völkern und Kontinenten sein. Er hat auch die vertikale Dimension zu Gott hin nötig, die den notwendigen horizontalen Friedensbemühungen erst die Aussicht und die Garantie auf Festigkeit und Realität gibt. Dann wird aus dem Minus der horizontalen Linie das Plus, wenn das menschliche Tun vertikal an Gott ausgerichtet und von Gottes Wort inspiriert wird.“ Das reicht aber noch nicht. Denn die Ausrichtung auf Gott darf sich nicht in einer indifferenten Gefühlsduselei – „dem Spirituellen“ – erschöpfen, sondern sie muß konkreten Handlungsmustern folgen. Und damit ist man beim Kern des Problems: Ein Muslim hat nun mal völlig andere Gebote als ein Katholik, mögen die Verblendeten noch so sehr von der „Einheit der Abrahamitischen Religionen“ schwafeln. Selbst die christlichen Konfessionen haben streng genommen unüberbrückbare Gegensätze, denn während der Protestant allein durch das Doppel von Schrift und Glauben (sola scriptura, sola fide) die Chance auf Erlösung hat, kommt der Katholik an dem unbedingten Gebot der „guten Tat“ nicht vorbei. Nicht umsonst sah sich Kardinal Ratzinger genötigt, in einer „Lehrmäßigen Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben“ (JF 6/03) die „gute Tat“ für den modernen Politikbetrieb zu definieren. Zwar warnte der oberste Glaubenshüter in dem Papier vor einem gefährlichen „ethischen Pluralismus“, aber er traute sich nicht zu verkünden, was doch eigentlich seine Aufgabe als oberster Glaubenshüter gewesen wäre, nämlich daß der Katholik die Aufgabe hat, ein christliches Gemeinwesen zu schaffen. Papst Leo XIII. hatte schon 1899 erklärt, daß Christi Herrschaft sich nicht nur auf die katholischen Völker erstrecke, sondern sie umfasse auch jene, „die den christlichen Glauben nicht besitzen“. Gespeist wird dieser metaphysische Totalitarismus nicht von weltlichem Machthunger, sondern von der Sorge um das Seelenheil der anderen, er ist also ein zutiefst fürsorglicher Antrieb. Allerdings ist diese Fürsorge in jüngster Zeit durch einen ausufernden Ökumenismus gelähmt, der inzwischen wie ein geheimes Superdogma in den Köpfen des Klerus grassiert. Nur so ist zu erklären, daß sich keiner der deutschen Bischöfe zu einer scharfen Stellungnahme genötigt sah, nachdem ein „Vater“ der zukünftigen EU-Verfassung offen den notwendigen Gottesbezug aller staatlichen Verfaßtheit geleugnet hat. Diese Feigheit fällt vor allem in Zeiten auf, die erfüllt sind von einer engagierten klerikalen Anti-Kriegspolitik. Mit solchen lauen Christen werden die autonomen Humanisten ein leichtes Spiel haben – nicht nur im EU-Konvent.

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