Die Mutter aller Lügen

Zweifellos ist es zu früh, von einem Niedergang der amerikanischen Allmacht zu sprechen, aber das Irak-Engagement hat deutliche Schwächen des US-Militärsystems aufgezeigt. In der Luft und auf dem Meer sind die USA die unbesiegbare Hyperpower, doch zu Lande sind die Unzulänglichkeiten eklatant. Die Zahl der amerikanischen Kampfbrigaden des Heeres, jener Großverbände, die zur Intervention in Übersee taugen, wird auf 33 beziffert. 16 davon sind im Irak eingesetzt, fünf weitere widmen sich anderen Übersee-Aufgaben. Dazu muß ein unentbehrliches Rotationspotential gezählt werden, so daß bestensfalls drei zusätzliche Kampfbrigaden zur Zeit verfügbar sind. Die Behauptung, die USA könnten gleichzeitig zwei oder drei Regionalkriege bewältigen, trifft also nicht zu. Im Irak bleibt die „guerilla warfare“, wie der US-Oberkommandierende General Abizeid den Widerstand mit erfreulicher Offenheit nennt, im wesentlichen auf das „sunnitische Dreieck“ begrenzt, grob gezeichnet der Raum zwischen Bagdad, Falludscha und Tikrit. Doch man soll nicht annehmen, es handle sich bei diesen Freischärlern nur um verbissene Anhänger Saddam Husseins. Sunnitische Fundamentalisten und arabische Nationalisten bilden den Kern dieser Widerstandsbewegung, der durch eine Vielzahl muslimischer Freiwilliger aus der ganzen arabischen Welt verstärkt wird. Die eigentliche Prüfung steht den US-Streitkräften jedoch noch bevor. 65 Prozent der irakischen Bevölkerung bekennen sich zum schiitischen Glaubenszweig, wenn man die Kurden abzieht, sind das 80 Prozent der dort lebenden Araber. Diese Schiiten haben sich bislang auf Weisung ihrer höchsten Geistlichen zurückgehalten. Offenbar wollen die maßgeblichen Ajatollahs die Amerikaner beim Wort nehmen und das Wagnis der Demokratie, das heißt freier und kontrollierter Wahlen, eingehen, weil sie sicher sind, daß ihnen dann aufgrund ihrer Überzahl automatisch die Regierungsgewalt zufiele und sie in der Lage wären, einen schiitischen Gottesstaat auszurufen – der sich allerdings nicht unbedingt auf das Modell des Ajatollah Khomeini richten muß. Schon rumort es unter den Schiiten, wie das jüngste Attentat auf den Ajatollah Hakim in der heiligen Stadt Nadschaf andeutet. Die ungeduldigen Heißsporne, die der frevlerischen Präsenz amerikanischer, ungläubiger Truppen in der Nähe ihrer höchsten Heiligtümer gewaltsam ein Ende setzen möchten und die sich um den jungen Scheich Muqtada-es-Sadr gruppieren, warten auf ihre Stunde. Dann wären die Amerikaner mit einer gnadenlosen „Super-Intifada“ konfrontiert und einem Aufgebot an Selbstmord-Kandidaten, an „Märtyrern“, wie es bei den Sunniten nicht vorhanden ist. Bemerkenswert sind die Bemühungen der USA, nach den unbefriedigenden Erfahrungen, die sie mit ihren Freunden im „Neuen Europa“ gemacht haben, nunmehr neben Indern, Pakistanern und anderen Hilfsvölkern auch das „Alte Europa“ – Deutschland und Frankreich – militärisch in ihr mesopotamisches Abenteuer einzubinden. Die Unterordnung dieses Experimentes unter die Führung der Vereinten Nationen, wie es so manchem deutschen Politiker vorschwebt, würde allerdings keine Vorteile bringen, da die Uno aufgrund der jahrelangen Sanktionspolitik und ihrer robusten Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak als Instrument Washingtons angesehen wird. Auch eine Unterstellung westeuropäischer Verbände unter die Nato würde an der US-Führung im strategischen und politischen Bereich nichts ändern. Bezeichnend ist der Wille Washingtons, der angestrebten europäischen Einsatztruppe von 60.000 Mann, die autonom operiert hätte, die „Nato Response Force“ entgegenzusetzen, die nach Ansicht des amerikanischen Kolumnisten William Pfaff eine „sich selbstfinanzierende Fremdenlegion im Dienste Amerikas“ wäre. Vor ähnlichen Problemen steht Deutschland bereits in Afghanistan, wo die multinationale Kabul-Brigade dem europäischen Kommando in Potsdam entzogen und jüngst der Nato, das heißt US-Planung, unterstellt wurde – auch wenn nominell ein deutscher General an der Spitze von ISAF steht. Damit werden die Grenzen verwischt zwischen dem offensiven Unternehmen „Enduring Freedom“ und der Stabilisationsfunktion, die die Kabul-Brigade ursprünglich ausüben sollte. Die Ausweitung des deutschen Auftrages in Richtung Kundus, die offenbar schon von Berlin akzeptiert wurde, könnte zu zusätzlichen Verlusten bei der Bundeswehr führen. Allerdings gewinnt das Argument des Bundesverteidigungsministers, die vier deutschen Soldaten, die beim Bus-Attentat am 7. Juni in Kabul umgekommen sind, dürften nicht umsonst gestorben sein, nicht dadurch an Glaubwürdigkeit, daß sich die Zahl getöteter Bundeswehrsoldaten weiter erhöht. Der Provinzialismus der deutschen Politik, der sich an das Wunschdenken von „humanitären Militäreinsätzen“ klammert, ist leider in der Opposition fast noch stärker vertreten als in den Regierungsparteien. Insgesamt gesehen sollten die Europäer sich bewußt sein, daß – nachdem Saddam Hussein den Golfkrieg von 1991 großmäulig die „Mutter aller Schlachten“ genannt hatte – der jetzige Kampf um das Zweistromland getrost als „Mutter aller Lügen“ bezeichnet werden kann. Prof. Peter Scholl-Latour ist Journalist, Buchautor und Kriegsreporter in den Krisenregionen der Welt.

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