„Anstand und Benehmen“ in der Schule unterrichten?

Den Vorschlag des saarländischen Bildungsministers,
ein weiteres Unterrichtsfach bindend an allen Schulen einzuführen, finde ich interessant. Gerade der Aspekt „Anstand und Benehmen“ bei der heutigen Jugend ist sicherlich überdenkenswert. Es ist ein gutes Stück Kultur, sich in angemessenen Umgangsformen zu üben, hierbei ist in letzter Zeit einiges in Vergessenheit geraten, und da ist der Schwerpunkt nun mal in der elterlichen Erziehung zu sehen. Sicherlich gibt es zu jeder Zeit einen Wertewandel, doch ich denke, wir müssen schon von einem Werteverfall sprechen. Es ist vielleicht etwas überzogen, es als Pflichtfach einführen zu wollen – hier wird die Schule nur als Reparaturbetrieb der Gesellschaft gesehen. Natürlich muß man als Lehrer, der gut ausgebildet ist und seinen Beruf ernstnimmt, mit auf diese Dinge eingehen. Die Verantwortung dafür kann und muß durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wahrgenommen werden. In diesen Punkten muß man sich jedoch gesamtgesellschaftlich darum kümmern und nicht die Verantwortung vom Elternhaus komplett auf die Schule schieben. Deshalb ist es wichtig, daß Tugenden wie Höflichkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, Pflichtbewußtsein und Fleiß wieder mehr in den Blickpunkt gelangen. Dazu ist die Initiative vom Saarland sehr gut geeignet. Aber ein selbständiges Unterrichtsfach bundesweit zur Pflicht erheben zu wollen, ist etwas überzogen. Was die Schule momentan mit der Vermittlung von Wissen und Können leistet, ist an der Kapazitätsgrenze angekommen. Auf angemessene Formen des Anstandes und Benehmens sollte eigentlich schon in jeder Unterrichtsstunde und in jeder Pause geachtet werden, doch dieser Bogen ist eben viel weiter zu spannen. Diese Verantwortung wird durch die Pädagogen in unseren Schulen sicherlich auch sehr ernst genommen. Man könnte es als „pädagogischen Rahmen“ betrachten. Dr. Gunnar Schellenberger ist CDU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Wissenschaft in Sachsen-Anhalt. Das ist wieder einmal ein typisch deutsches Beispiel von Gesellschaftspolitik: Erst wird Erziehung dreißig Jahre lang als „repressiv“ diskreditiert; dann entdeckt irgendein Bildungspolitiker, daß das falsch war und daß man Erziehung ab sofort bis hin zur Vermittlung simpler Benimm-Regeln doch zur Staatsaufgabe machen müsse. Nein, so geht das aber nicht. Natürlich brauchen wir in allen Bereichen des Gemeinwesens couragierte Leute, die gewisse Regeln anmahnen, und wir brauchen „Mut zur Erziehung“. Es ist auch Aufgabe von Schule, Grenzen für überschießendes Verhalten zu ziehen. Aber mit einer fortschreitenden Verstaatlichung von Erziehung sind die Deutschen noch nie gut gefahren. „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern …“; soweit ist manchem das Grundgesetz mit Artikel 6 im Hinterkopf. Noch weniger Leute aber wissen, daß dieser Satz fortfährt: „…. und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“. Dies in die Köpfe aller Eltern zu bringen, wäre wichtiger als die schlagzeilenträchtige Show-Veranstaltung eines schulischen Benimm-Faches. Die Eltern sind es, die dafür zu sorgen haben, daß ihre Kinder in die Schule ein sozial verträgliches Verhalten mitbringen. Was zu Hause an entsprechenden Prägungen – und sei es nur ein positives elterliches Vorbild – versäumt wird, kann die Schule nicht nachholen. Im übrigen ist es Alltagsjob unserer Schulen, Spielregeln zu vermitteln. Wöchentlich tun das Hunderttausende von Lehrern in Millionen von Unterrichtsstunden. Wenn man meint, in Sachen Anstand ein eigenes Unterrichtsfach oder eigene curriculare Bausteine einführen zu müssen, dann kommt dies dem Versuch gleich, Selbstverständlichkeiten zu Innovationen aufzublasen. Wichtig wäre es schließlich, daß die Kultusminister den Lehrern den Rücken stärken, wenn letztere konsequent erzieherisch tätig sind und zum Beispiel Sanktionen verhängen. Josef Kraus ist Oberstudiendirektor und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL).

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