Deutsche Illusionen

Als der US-Präsident letzte Woche erstmals Europa besuchte, flog George W. Bush von Berlin direkt nach Moskau, um sich im Zeichen des Anti-Terror-Kampfes mit Rußlands Präsident Wladimir Putin zu verbrüdern. Schon vor dem Bundestag hatte George W. Bush das Ende des Kalten Krieges und wenn schon nicht die Mitgliedschaft, dann doch zumindest die Assoziierung des russischen Bären mit jenem Militärbündnis angekündigt, das seinerzeit gegen die damals noch sowjetische Bedrohung abgeschlossen wurde. Dabei sollte man sich an den einstigen Nato-Generalsekretär Lord Ismay erinnern, der zu Adenauers Zeiten Sinn und Zweck der Nato auf die Formel brachte: „to keep the Americans in, to keep the Russians out and to keep the Germans down.“ Zumindest jene Prämisse, welche die Russen betrifft, ist obsolet, seit Bush und Putin entdeckt haben, daß der gemeinsame Kampf gegen den militanten Islam wichtiger ist als die Rivalitäten um das kaspische oder zentralasiatische Erdöl. Wie aber steht es mit den anderen beiden Forderungen des von 1952 bis 1957 an der Nato-Spitze stehenden Briten? Daß die USA als einzige Weltmacht „in“ sind und es bleiben wollen, ist eine Binsenweisheit. Überdies huldigte Bush einer vielsagenden Symbolik. In der Zarenhauptstadt St. Petersburg legte er feierlich einen Kranz am Ehrenmal für die Opfer der Leningrad-Belagerung nieder, wobei in allen Medien zu hören war, die „Nazis“ (sprich: deutsche Armeen) hätten bei dieser Gelegenheit mindestens eine Million Zivilisten umgebracht. Wenige Kilometer weiter westlich liegt Narwa – jene estnische Stadt, um die 1943/44 so erbittert gekämpft wurde, daß die Knochen der Gefallenen noch heute wenige Zentimeter tief im sandigen Boden zu finden sind. Hier verbluteten Tausende Balten beim verzweifelten Versuch, ihre Heimat vor einer erneuten sowjetischen Eroberung zu bewahren. Sie hatten nur das Pech, die falsche Uniform zu tragen. Für sie gibt es folglich keinen Kranz eines US-Präsidenten. In Mittel- und Osteuropa lösen die Umarmungen zwischen Bush und Putin Unbehagen aus. Wenn der US-Präsident so sehr auf russische Hilfe im „Krieg“ gegen Bin Laden & Co. angewiesen ist – wer garantiert dann, daß die Amerikaner sich eines Tages nicht wieder verhalten wie einst, als ihnen der Kampf gegen Hitler wichtiger schien als die Freiheit und das Schicksal der Polen, Balten, Rumänen oder Ungarn? Das Ergebnis hieß 1945 Jalta. Natürlich gibt es in der Geschichte keine lineare Wiederholung, auch die Machtverhältnisse haben sich geändert. Aber die Angst bleibt, daß ein erstarktes Rußland eines Tages das verlorene Erbe Zar Peters des Großen zurückgewinnen möchte. So ist das beharrliche Klopfen der Ostmitteleuropäer an den Toren von EU und Nato zu erklären. Man traut dem Frieden nicht – und noch weniger traut man westlichen Politikern, inklusive US-Präsidenten. Was aber geschieht, wenn Rußland seinen Ex-Satelliten an der Nato-Eingangstür wie im Märchen vom Hasen und Igel zuruft: „Ich bin schon hier“? Ein nachdenklicher osteuropäischer Diplomat sagte unlängst: „Wenn Rußland in der Nato ist, gibt es keine Nato mehr.“ Das ist ein Satz, über den man in den westlichen Staatskanzleien gründlich nachdenken sollte. Die deutsche politische Klasse, die so gerne everybody’s darling sein möchte, sollte die Stationen der Bush-Reise nicht aus den Augen verlieren: von Berlin nach Moskau/Petersburg und von dort nach Paris, also nacheinander zu den klassischen Gegenspielern des preußisch-deutschen Kaiserreichs. Bush legte auch in Frankreich einen Kranz nieder – für jene US-Soldaten, die 1944 in der Normandie gefallen sind – im Kampf gegen die Deutschen. Heute ist kaum noch vorstellbar, daß ein US-Präsident jene noble Geste wiederholt, die Ronald Reagan setzte, als er 1985 trotz schärfster Anfeindungen zusammen mit Kanzler Helmut Kohl deutsche Gefallene auf dem Soldatenfriedhof Bitburg ehrte. Ist das alles nur noch Schnee von gestern? In gewisser Hinsicht ja – und doch wieder nein. Es geht um die Rolle Deutschlands im Europa der Zukunft und in der Welt insgesamt. Hier aber ist erstaunlich, wie sehr sich die Einschätzung der deutschen Potentiale durch die Außenwelt von der vorherrschenden deutschen Selbsteinschätzung unterscheidet. Das bewußte oder unbewußte symbolische „Hochschaukeln“ der Weltkrieg-II-Koalition, der Appell an starke Gefühle (wozu zweifellos gerade Totenehrungen gehören) beweist, daß in gewisser Weise auch die dritte Lord-Ismay-Prämisse ihre Gültigkeit bewahrt hat: to keep the Germans down. Das muß nicht durch brachiale Gewalt geschehen. Es kann einhergehen mit Komplimenten, wie sie Bush im Reichstag zollte, als er Berlin als great city lobte. Es kann auch mit Liebeserklärungen Putins – des einstigen Dresdner KGB-Residenten – an die Deutsche Nation umrahmt werden. Nur sollte man sich davon nicht den Kopf oder gar Verstand verdrehen lassen. Es mag gut sein, wenn sich Moskau und Washington verstehen. Aber zu gut sollten sie sich nicht verstehen, weil dann das west-östliche Pingpong-Spiel über die Köpfe der Deutschen hinweg stattfindet. Nicht jubeln – nachdenken sei daher den Deutschen empfohlen.

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