Leibeserziehung

Weltweit stehen den heute etwa 1,1 Milliarden unterernährten Menschen unterdessen genauso viele Wohlbeleibte gegenüber. Deutschland hat, auch was die Körpervolumina seiner Bürger betrifft, Anschluß an die USA gefunden. 33 Prozent aller Mädchen und 26 Prozent aller Jungen im Alter zwischen 10 und 13 Jahren sollen einer Studie der Universität Jena und des Gesundheitsamtes Halle zufolge bereits übergewichtig sein. Das Potential ist vermutlich längst noch nicht ausgeschöpft.

Was der einem Menschenbild der Vergangenheit verhaftete "Spiegel" nun zum Anlaß nimmt, um den Lesern den kulinarischen Ausnahmezustand der kommenden Festtage mit eßkulturellem Jakobinismus zu vergällen, ist in Wahrheit aber eher als ein Phänomen zu werten, das aus mehreren Gründen optimistisch stimmt.

Dicke Kinder sind zum einen das Indiz für eine Erziehung, die den jugendlichen Bewegungsdrang erfolgreich domestiziert. In einer bis in die Provinz hinein komplett versiegelten Landschaft mit klar geregelten Eigentumsrechten nicht nur an Vordergärten und einem von den Menschen nicht zu beeinflussenden, da vom System intendierten Verkehrsfluß ist für eine unkontrollierte Entfaltung kindlicher Aktivitäten kein Platz. Organisierte Freizeit und die tolerablen Trendsportarten überfordern aber die meisten Haushalte, die sich Kinder leisten, finanziell. Sie kommen günstiger davon, wenn sie auf eine Ernährung Wert legen, die das körperliche Leistungsvermögen des Nachwuchses herabsetzt und dadurch den Mut zu inakzeptablen Unternehmungen nimmt.

Zum anderen sind dicke Kinder ein Zeichen dafür, daß unsere demokratische Öffentlichkeit auch junge und selbst jüngste Mitbürger erfolgreich einbezieht. Wer dick ist, sieht mehr fern, weil ihm nur wenige andere Freizeitalternativen bleiben und er sich so den Verhöhnungen von Menschen entziehen kann, die doch bloß deshalb schlank sind, weil sie noch nicht lange genug in Deutschland leben. Wer mehr fern- sieht, hat wiederum größere Chancen, an Körpergewicht zuzulegen. Auch für sich genommen langweilige Sendungen tragen durch den Verzehr, den sie anregen, zur Zuschauerbindung bei. Die 153 Minuten wiederum, die das deutsche Durchschnittskind täglich vor dem Fernseher verbringt, entlasten die Eltern zeitlich, ohne daß die Qualität der Wertevermittlung beeinträchtigt werden dürfte.

Und schließlich tragen dicke Kinder, je mehr sie das Bild ihrer Generation prägen, dazu bei, daß das vermutlich biologisch angelegte prinzipielle Wohlwollen den Kleinen gegenüber einer realistischeren Betrachtung weicht. Schon heute bekennen Paare, die gewollt kinderlos sind, auch offen mehr und mehr ihre Lebenszufriedenheit, die ihnen durch diese Entscheidung zuteil wurde. Der Unberechenbarkeit des Familienalltages setzen sie den geplanten und bewußten Genuß gemeinsamer Hobbies entgegen. Fernsehen zum Beispiel oder essen gehen.

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