„Die AfD will die deutsche Regierung stürzen“ titelte der Spiegel zum zweiten Advent. Damit der größten deutschen Oppositionspartei das gelingt, baue sie ihr Netzwerk in den USA aus, um sich für ihre finsteren Pläne die Unterstützung Donald Trumps und der Kreise um den Tech-Milliardär Elon Musk zu sichern.
Dem langjährigen Zeit-Feuilletonisten Thomas Assheuer gibt diese projektierte Allianz ein großes Rätsel auf. Weil da etwas zusammenwachse, was gar nicht zusammengehöre. Hier die staatsgläubigen „Völkischen“, die auf „dampfender Scholle nach Tiefe und Ursprung graben“ und von „Deutschtum und naturbelassener Bratwurst“ träumen, dort die staatsfeindlichen „Ultralibertären“, die auf Künstliche Intelligenz, Gehirnchips und intergalaktische Raketen setzen, um die Erde zu verlassen und demnächst den Mars zu besiedeln.
Das groteske Zerrbild, das dieser Alt-68er und vorgebliche Experte für „Konservative Revolution, Neue Rechte und Rechtsextremismus“ hier in epischer Unkenntnis einfachster Sachverhalte von der „völkischen“ AfD zeichnet, garantiert bereits, daß er nach dem gesuchten „missing link“ zwischen der AfD und Trumps „Make America Great Again“-Bewegung vergeblich fahndet.
Träumt die AfD von elektrischen Marinettis?
Er findet es jedenfalls nicht im soeben vorgelegten Programm von Trumps neuer „Nationaler Sicherheitsstrategie“, die einen transatlantischen Schulterschluß anbietet gegen die Zivilisationen zerstörende Masseneinwanderung, gegen den nationalstaatliche Selbstbestimmung und demokratische Freiheitsrechte unterdrückenden, seiner selbstmörderischen Klimaideologie ganze Volkswirtschaften opfernden Großen Brüsseler Bruder (JF berichtete). Dies ist eine handfeste, realistische und rationale politische Agenda, die AfD-Programmatikern als Pfeiler einer neuen Atlantik-Brücke taugen will.
Der enthemmt halluzinierende Assheuer hingegen leitet diese Interessengemeinschaft aus der Faszination ab, die futuristisch-faschistische Sozialutopien „made in Silicon Valley“ nicht nur auf deutsche, sondern ebenso stark auf europäische Rechte ausüben. Zum Beispiel im Italien Giorgia Melonis, wo intellektuelle Einflüsterer der Ministerpräsidentin eine Revitalisierung der Weltanschauung Filippo Tommaso Marinettis forcierten.
Eines von Assheuer maßlos überschätzten Exzentrikers, der als Verfasser des „Futuristischen“ (1909) wie des „Technischen Manifests“ (1912) zwar zum Herold des den Alteuropäer ablösenden „Maschinenmenschen“ wurde, dessen Ideen Mussolinis Faschistische Partei infiltrierten, der aber nichts weiter als eine „pittoreske Figur des Faschismus“ (Ernst Nolte) war, die selbst im Zeitalter der Kreislaufwirtschaft kaum wiederverwertbar sein dürfte.
Der Arbeitsstaat erfordert die „totale Mobilmachung“
Der deutsche Marinetti heißt für Assheuer Ernst Jünger. Dessen „Manifest“ im Herbst 1932 erschien: „Der Arbeiter – Herrschaft und Gestalt“. Mit diesem 300seitigen Essay empfehle sich der „Totengräber der Weimarer Republik und geistige Übervater der deutschen Rechten“ – handelsübliche Klischees, mit denen nur Leute hantieren, an denen die seit den 1980er Jahren überquellende Jünger-Forschung spurlos vorübergezogen ist – als Anreger eines Diskurses, der den notorisch kulturpessimistischen deutschen Rechten die Angst vor der technischen Moderne nehme.
Allerdings müßten sie und die „furchtsamen Massen“ dafür einen hohen Preis zahlen, denn Jüngers totalitärer „Arbeitsstaat“, der sich in planetarischen „Werkstättenlandschaften“ imperialistisch ausdehnt, tritt an die Stelle des Nationalstaats, läßt die bürgerliche Gesellschaft mitsamt ihrer liberalen Demokratie hinter sich und verabschiedet ihr vom bürgerlichen Individualismus geprägtes „freiheitliches Menschenbild“.

Der Arbeitsstaat erfordert die „totale Mobilmachung“, um durch maximale Ausschöpfung aller verfügbaren menschlichen und materiellen Ressourcen den Machtkampf mit anderen Staaten bestehen zu können, um doch letztlich im globalen Universalstaat aufzugehen. Soweit diese vage Vision noch nationalen Ambitionen Raum gönnt, deutet Jünger an, daß es Deutschlands historische Mission sei, als Motor einer epochalen Transformation hin zur höchsten technischen Modernität des Arbeitsstaates und zum neuen Typus des schlackenlos auf seine Funktionalität im Maschinenbetrieb reduzierten Menschen zu dienen.
Kein Rechter will den Arbeiter
Nicht zu Unrecht will der Literaturhistoriker und Jünger-Biograph Helmuth Kiesel in dieser schauerlichen Dystopie noch humane Dimensionen wahrnehmen, da der Typus Arbeiter den Krebsschaden des kapitalistischen Systems, die entmenschlichende „Entfremdung“ des Menschen, heilen könne, sofern er verinnerliche, daß seine wahre Freiheit und sein autonomes Leben identisch seien mit dem lustvollen Dienst im technischen Produktionsprozeß. In der zeitgenössischen Rezeption spielten solche Subtilitäten indes so wenig eine Rolle wie Kiesels Verweis auf die in der Weltwirtschaftskrise eskalierten erdrückenden Nöte der Weimarer Republik, die nach totalitären als einzig realpolitisch erscheinenden Lösungen verlangten.
Doch das waren sie weder für die NS-Seite, die in diesem kosmopolitischen Entwurf Rasse, Blut und Boden vermißte, noch gar für die Phalanx deutschnational-konservativer Kritiker wie Max Hildebert Boehm, der Jünger riet, sich ins bolschewistische Rußland zu bemühen, wo seine „dämonisch-technische Welt“ bereits in „planwirtschaftlicher Herrlichkeit“ leuchte. Als Bindeglied zwischen europäischen und amerikanischen „Populisten“ eignet sich der Mensch-Maschine-Komplex dieses totalitären Arbeitsstaats also schon deshalb nicht, weil nach 1932 und nach 1945 nicht einmal der zum spätbürgerlichen „Gärtnerkonservatismus“ (Armin Mohler) bekehrte, sein eskapistisches „Waldgängertum“ kultivierende Jünger, geschweige denn irgendeine ihm verwandte rechte Gruppierung, selbstredend auch die AfD nicht, darin jemals ein politisch anschlußfähiges Ordnungsmodell gesehen hätte.
Wie jüngerisch ist Musk?
Von Ernst Jünger, dem Autor des „Arbeiters“, führt mithin kein Weg zu den transhumanen Projekten eines Elon Musk und seines Umfeldes, wo Googles Chefentwickler, der 77jährige Futurist Ray Kurzweil, der für 2029 avisierten Hirn-Computer-Synthese entgegenfiebert, die ihm Unsterblichkeit als Chip sichern soll.
Da Assheuer mit positiven AfD-Bezugnahmen auf die techno-politische Zukunftsschau der kalifornischen IT-Tycoone nicht aufwarten kann, muß er diesen Ausfall mit einem aus Jünger-Zitaten gemixten Cocktail kompensieren, der den falschen Eindruck erweckt, als hätten Musk & Co. das Œuvre dieses Deutschen in ihr ideologisches Portfolio aufgenommen. Ergiebiger wäre es für Assheuer gewesen, Kontinuitäten nachzuspüren, die das Silicon Valley mit biopolitischen Utopien verbindet, wie sie in den 1920ern unter bolschewistischer Herrschaft ins Kraut schossen.
Trotzki ist dem Silicon-Valley näher
Nicht die Rechte, sondern die „ewige Linke“ ist von jeher obsessiv der Zukunft zugewandt und giert ständig nach neuen Zeitaltern, neuen Menschen, großen Revolutionen und Transformationen, New und Green Deals. Aberwitzige Pläne zur Besiedlung des Weltraums, zur genetischen Perfektionierung der Gattung Mensch einschließlich der eugenischen Selektion „minderwertiger“ Exemplare, zur Entkoppelung von Liebe und Fortpflanzung zwecks Menschenzüchtung, zur Aufweichung geschlechtlicher Grenzen zwischen Mann und Frau, um androgyne Mischwesen zu erzeugen, zur Erforschung von Mutationen, die – Kurzweils unsterbliche Chips-Hirne antizipierend – körperliche Menschen in ätherische Geistwesen verwandeln sollen, die als solare Kosmonauten allein von Sonnenstrahlen leben und telepathisch miteinander kommunizieren.
Selbst ein Leo Trotzki, berauscht von solchen „biokosmistischen“ Verheißungen, denen zufolge sich der durchschnittliche Menschentyp übermorgen zum Niveau eines Aristoteles, Goethe und Marx erhebe, zweifelte im Banne Nietzsches stehend nicht daran, daß der höhere biologische Typus des kommunistischen Übermenschen hurtig zu erschaffen sei. Nur, soviel Realitätssinn hatte sich der Organisator der Oktoberrevolution bewahrt, erinnerten futuristische Blaupausen zur Kolonisierung des Kosmos leider fatal an „Fahnenflucht in interstellare Sphären, um den schwierigen irdischen Dingen auszuweichen“. Den Mars-Pionier Elon Musk scheint Leo Trotzki vorausgesehen zu haben.






