Weißer Zauber aus Wolke und Kanone

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Schneekanone im Einsatz Foto: Pixelio

Wann kommt Schnee und in welchem Ausmaß?“ fragen sich immer mehr Wintersportler und Touristen, die in die Alpen fahren. Die Meteorologen scheinen ratlos, aber die Frage nach Herkunft und Beschaffenheit des Flockenzaubers läßt sich gesichert beantworten. In den Wolken gefrieren feinste Wassertropfen. Schnee entsteht. Winzige Eiskristalle, kleiner als ein Zehntelmillimeter, machen sich auf ihren schwerkraftbestimmten Weg.

Während ihrer gemächlichen Reise bilden sie sechseckige Konturen aus, die aufgrund des Feuchtigkeitsgehaltes der Luft wachsen. Liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt, entstehen sternförmige Kristalle, die sich zu bauchig dicken Flocken verkleben. Ist es sehr kalt, fallen prismen- bis plättchenförmige Kristalle hernieder, die der Wintersportbegeisterte als Pulverschnee bejubelt.

Dessen Pendant ist der Naßschnee, der unter Druck zu Wasser zerfließt. Das Zwischenstadium ist patziger Feuchtschnee. Jungfräulich und weiß, weil er bis zu 95 Prozent Luft enthält, heißt der Winterzauber Neuschnee. Im Alter von drei Tagen wird er bereits zum Altschnee – und sieht, wenigstens in der Großstadt, zumeist auch so aus.

Energiefresser und akustische Umweltverschmutzung

Schmilzt der oberflächennahe Schnee mehrfach und gefriert wieder, entsteht die feste Deckschicht des Harsch. Die durch vielfaches Auftauen und Gefrieren zu kompakten Eisklumpen verschmolzenen, mindestens einjährigen Eiskristalle bilden den zur Gletscherbildung geeigneten Firn. Knirscht Schnee unter Rodel, Skiern oder den Schritten von Spaziergängern, so ist er kälter als minus 25 Grad Celsius.

Durchschnittlich wiegt ein Kubikmeter Neuschnee 80 Kilogramm. Altschnee erreicht bereits das fünffache Gewicht. Die Summe beider ergibt jene zig Milliarden Tonnen Schnee, die Frau Holle alljährlich über Deutschland aus ihren Kissen schüttelt. Trotz dieser beachtlichen Gesamtmenge bleibt für immer mehr vormals schneesichere Regionen nichts übrig.

Vor allem aus der Touristikbranche ertönt deshalb verstärkt der Ruf nach Aufrüstung der pistenbereitenden Artillerie. Schneekanonen halten somit einen Fremdenverkehrszweig am Leben, dem da und dort, obzwar nicht der Boden, wohl aber zunehmend dessen unverzichtbare weiße Auflage entzogen wird.

Unzureichende Isolationswirkung

Kunstschnee schafft aber nicht nur Abhilfe, sondern auch eine ganze Fülle an Problemen. Seine Isolationswirkung für den Boden ist unzureichend, obgleich er dichter und schwerer als Naturschnee ist. Der Frost erfaßt deshalb auch tiefere Bodenschichten, was zur Schädigung von Pflanzen führt.

Generell fallen Öko- und Energiebilanz des künstlichen Pistenzaubers katastrophal schlecht aus. Über 200 Liter Wasser sind erforderlich, um einen Quadratmeter Piste eine Skisaison lang befahrbar zu halten. Der Betrieb mittelgroßer Anlagen braucht mindestens 20 Millionen Liter, deren Bereitstellung durch unterirdische Leitungen oder die Errichtung von Speicherseen erfolgt.

Die Baumaßnahmen zur Heranführung der Leitungsnetze zeitigen unliebsame Folgen, die bei Baumverletzungen beginnen und bei der Destabilisierung der Böden, also bei der Gefahr von Hangrutschungen enden. Speicherseen wiederum beeinträchtigen den Wasserhaushalt und über diesen ganze Ökosysteme.

Verseuchung mit Bakterien?

Nicht selten führen sie zur Austrocknung eines Gebietes und so zur nachhaltigen Vertreibung der ursprünglichen lokalen Lebensgemeinschaft. Schneekanonen sind Energiefresser. Ihr Verbrauch im gesamten Alpenraum ist nicht in Kilowattstunden, sondern in ganzen Kraftwerkskapazitäten zu messen. Hinzu kommen die Beeinträchtigungen durch den notwendigen Bau von Stromleitungen und die einhergehende akustische Umweltverschmutzung.

Zwischen 60 und 120 Dezibel liegt der Lärmpegel von Niederdruck- und Hochdruckschneekanonen. Die damit unvermeidliche Störung von Wildtieren wiegt um so schwerer, als der gängige Nachteinsatz dämmerungsaktive Tiere dauerhaft vertreibt. Vor allem Schalenwild und Eulenvögel sind betroffen. Nicht selten werden intakte Brutgebiete bedrohter Eulen- und Kauzarten im Zuge exzessiver Erzeugung von Kunstschnee aufgegeben.

Damit nicht genug, zieht das vermehrte Ausbleiben von Minusgraden die Forderung nach temperaturunabhängigen Beschneiungsmöglichkeiten nach sich. Dies soll mit Hilfe abgetöteter Bakterien bewerkstelligt werden. Da sich bei Testläufen herausstellte, daß nicht alle dem Wasser beigemengten Bakterien abgetötet werden können, sind weitreichende ökologische Folgen nicht nur auf Grundwasser und Fließgewässer evident.

Generell ist die Beschneiung eines aufgrund von längerfristig vorherrschenden Plusgraden winterentwöhnten Ökosystems aus nachvollziehbaren Gründen, die sich als Schockwirkung zusammenfassen lassen, unverantwortlich. So unbefriedigend die Erkenntnis auch sein mag: Den Fremdenverkehrsverantwortlichen ist daher anzuraten, mit der Natur statt gegen sie zu arbeiten. Niemandem ist gedient, wenn die Verlockung kurzfristiger Gewinne in Umweltreparaturkosten mündet, die diese mehr als aufheben.

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