Der Reformator Martin Luther zieht unter dem Jubel des Volkes am 16. April 1521 in Worms ein (Gemälde 19. Jhd.) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Der Reformator Martin Luther zieht unter dem Jubel des Volkes am 16. April 1521 in Worms ein (Gemälde 19. Jhd.) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images

Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521
 

„Teufel so zahlreich wie Ziegel auf den Dächern“

Die Vorgänge rund um den Reichstag zu Worms 1521, als Martin Luther sich zu seinen Lehren bekannte und der als Schlüsselereignis der Reformation gilt, sind der Stoff der protestantischen Legendenbildung. Hier der mächtige katholische Kaiser Karl V., dessen Reich bis in die neue Welt reicht, Herrscher eines Imperiums, in dem die Sonne nicht untergeht. Dort das kleine, aber tapfere Mönchlein aus Wittenberg, das Kaiser und Papst die Stirn bietet.

Gerade die Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert verklärte Luther als deutschen Helden, der sich dem Habsburger Kaiser und der mächtigen Mutter Kirche widersetzte, gegen Ablaßhandel und Doppelmoral aufgebehrte. Was jedenfalls unbestritten ist, ist der Umstand, daß Luthers Ideen, mit denen er die Kirche nicht spalten, sondern reformieren wollte, beim einfachen Volk Anklang fand.

Das zeigte sich schon bei der Anreise nach Worms. Mehrmals predigte Luther unterwegs in überfüllten Kirchen und seine Ankunft in der Stadt am Rhein am 16. April war vom Volk bejubelt worden. Die Stadtbevölkerung war pro Luther.

Luther erwartete einen Schlagabtausch

Dennoch bestand die Gefahr für ihn, daß er entgegen der Zusage sicheren Geleits verhaftet und als Ketzer hingerichtet werden würde. Geplagt von solchen Befürchtungen wagte der ehemalige Augustinermönch dennoch, vor den Kaiser zu treten. So ist als Legende überliefert, Luther habe gesagt, er wolle unbedingt nach Worms, selbst wenn es in der Stadt so viele Teufel wie Ziegel auf den Dächern gebe.

Am 17. April trat Luther vor die Reichsstände und den Kaiser. Er wurde aufgefordert, seine ihm vorgelegten Schriften als solche zu erkennen und zu widerrufen. Zwar bekannte er sich zu seinen Texten, für alles weitere erbat er sich Bedenkzeit, um sein Seelenheil nicht zu gefährden, wie er sagte.

Der einfache Mönch Martin Luther trifft auf Kaiser Karl V. Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
Der einfache Mönch Martin Luther trifft auf Kaiser Karl V. (Gemälde 19. Jhd.) Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images

Luther selbst war wohl von einem verbalen Schlagabtausch ausgegangen und zeigte sich in seinen Aufzeichnungen selbst überrascht über den wenig spektakulären Ablauf. „So ist nichts mehr hie gehandelt denn so viel: Sind die Bücher dein? Ja. Willtu sie widerrufen oder nicht? Nein. So heb dich!“

„Ich bin hindurch“

Am Folgetag gipfelten die Ausführungen Luthers schließlich in die Worte: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde, denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“

Nachdem Karl V. die Anhörung daraufhin abbrechen ließ und betonte, sein Widersacher habe sich geirrt, soll dieser beim Verlassen des Ortes erleichtert gesagt haben: „Ich bin hindurch.“

Doch die wohl bekannteste Formeln des Reichstags sollte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen“ werden. Mittlerweile gilt allerdings als gesichert, daß diese Worte aus der Feder von Luthers Mitstreiter Philip Melanchthon stammen, der sie in das Vorwort des zweiten Bandes von Luthers lateinischen Werken einfügte; nach dessen Tod.

Detailansicht des Lutherbrunnens in Mansfeld mit einem Spruch, angelehnt an ein Zitat des Reformators Foto: picture alliance / ZB | Peter Endig
Detailansicht des Lutherbrunnens in Mansfeld mit einem Spruch, angelehnt an ein Zitat des Reformators Foto: picture alliance / ZB | Peter Endig

Die Anhänger der Reformation arbeiteten in der Folgezeit jedenfalls fleißig an der Verklärung der Wormser Tage ihres geistigen Führers. So habe quasi die göttliche Vorsehung Luther vor einem Giftanschlag während des Reichstags bewahrt, da das Glas mit dem vergifteten Getränk auf wundersame Weise zerbrochen sei.

Luthers bekanntestes Lied soll in Worms entstanden sein

Auf seinem Weg in die Stadt am Rhein sei der Kirchenrebell den Söldneranführer Georg von Frundsberg begegnet. Der habe ihm zugerufen: „Münchlein, Münchlein, du gehest jetzt einen Gang … dergleichen ich und mancher Obrister, auch in unser allerernstesten Schlacht-Ordnung nicht gethan haben.“

Rückblickend soll Luther auch den Text seines wohl bekanntesten Liedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ in Worms verfaßt haben. Außerdem habe der ins Gebet vertiefte Luther dort in einer Art Saulus-Erlebnis seine Bekehrung erfahren. Weitere Berichte wollen wissen, daß der Reformator dem Streit zweier Juden über ein Prophetenzitat beiwohnte. Bedenkt man die vielen eindeutig belegten Treffen mit geistlichen und weltlichen Mächtigen in den zehn Tagen seines Aufenthaltes, so scheint das ein sehr volles Programm gewesen zu sein.

Eine weitere Legende bietet noch einen verspäteten Schlußstrich unter die Auseinandersetzung zwischen Luther und Karl V. Als der Monarch am 23. Mai 1547 nach dem Sieg über die Protestanten im Schmalkaldischen Krieg am Grab des Reformators in der Wittenberger Schloßkirche stand, soll sein Gefolge verlangt haben, die Überreste des „Ketzers“ zu verbrennen. Der Herrscher jedoch habe erwidert: „Er hat seinen Richter gefunden. Ich führe Krieg mit den Lebenden und nicht mit den Toten.“

Der Reformator Martin Luther zieht unter dem Jubel des Volkes am 16. April 1521 in Worms ein (Gemälde 19. Jhd.) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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