Luftkrieg

Die Propaganda der einstigen Gegner lebt

Wenn Medien über die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 berichten oder die Politik der Zerstörung der Stadt gedenkt, fallen häufig auch die Namen Guernika, Warschau, Rotterdam und Coventry. Schließlich hatte die deutsche Luftwaffe diese Städte zuvor bombardiert.

Doch allein schon die Aufzählung dieser Orte in einem Atemzug zeugt von Unkenntnis des Unterschieds zwischen taktischen und strategischen Bombardements, für die verschiedene Völkerrechtsregeln galten. Was bei strategischen Bombardements verboten war, war bei taktischen erlaubt. Die Namen sind Überbleibsel der Kriegspropaganda unserer ehemaligen Feindmächte, die diese selbst schon lange nicht mehr ernst nehmen. Kriegspropaganda und Desinformation sind in Kriegen übliche Mittel zur Rechtfertigung der eigenen Position und Anfeuerung der eigenen Bevölkerung bei gleichzeitiger Herabsetzung des Gegners.

Ungewöhnlich ist dagegen, daß die kriegspropagandistische Desinformation auch nach etlichen Friedensjahren so lange anhält und wohl aus politischer Korrektheit noch geglaubt werden soll wie in Deutschland. Dies hängt vermutlich mit dem deutschen Schuldbewußtsein wegen der NS-Verbrechen zusammen. Leider wird dadurch vernünftiges und korrektes Verhalten, das es auch in der deutschen Luftkriegführung gab, zugunsten abgedroschener, auf bewußten kriegspropagandistischen Falschdarstellungen ehemaliger Gegner beruhender Phrasen unterdrückt. Das „ius ad bellum“ wird mit dem „ius in bello“ verwechselt.

Luftwaffe bombardierte hauptsächlich militärisch relevante Ziele

Es stand schon in der 1957 erschienenen amtlichen britischen Darstellung der Verteidigung des Vereinigten Königreiches von Sir Basil Collier („The Defence of the United Kingdom“), in der sogenannten Luftschlacht um England 1940/41 weise nichts darauf hin, daß die deutsche Luftwaffe das Bombardement von Städten und Wohngebieten beabsichtigt habe.

Vielmehr habe sie versucht, militärisch relevante Objekte wie Hafenanlagen, Kraftwerke und ähnliches zu zerstören. Ich hatte vor Jahrzehnten Mühe, diese Feststellung in Publikationen zu erwähnen, weil sie schon damals nach vorherrschender deutscher Sicht nicht zeitgemäß war. Im Ausland, vor allem im englischsprachigen, wurde ich hingegen immer wieder zu Vorträgen und Tagungen eingeladen, obwohl oder vielleicht gerade weil ich dort auch die positiven Seiten der deutschen Luftkriegführung anführte. Man schätzt das dort mehr als Leisetreterei. Anders als in Deutschland.

Nun stellt der Altmeister der wissenschaftlichen britischen Luftkriegsgeschichtsschreibung, Richard Overy von der University of Exeter, in seinem kürzlich erschienenen monumentalen Werk über den gesamten Bombenkrieg in Europa bis 1945 („Der Bombenkrieg. Europa 1939–45“, Berlin 2014) fast auf jeder Seite der einschlägigen Kapitel fest, daß die deutsche Luftwaffe, die mit Ausnahme weniger strategischer Eskapaden vor allem eine taktische Heeresunterstützungswaffe war, in der Regel militärisch relevante Ziele und nicht Bevölkerungszentren bombardierte.

Angriff auf Coventry galt der Rüstungsindustrie

Coventry nach dem deutschen Luftangriff im November 1940 Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library
Coventry nach dem deutschen Luftangriff im November 1940 Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library

Eine Ausnahme war das letzte Kriegsjahr, wo sie zum Beispiel auch verzweifelte unterschiedslose und vergleichsweise wirkungslose Bombardierungen in England und Belgien mit sogenannten V-Waffen durchführte. Sicher kam es dabei, wie bei anderen Luftstreitkräften auch, zu vielen Fehlwürfen, die – allerdings auf beiden Seiten – propagandistisch als Terrorbombardements bezeichnet wurden. Der Luftangriff auf Coventry am 14. November 1940 aber galt den vielen Rüstungsfabriken in Streulage zwischen Wohngebieten (wie im Ruhrgebiet auch) in der Stadt.

Die Fabriken wurden mit großer Genauigkeit getroffen. Dies bestätigte auch der britische Historiker Norman Longmate unter Hinweis auf die Legitimität des Angriffs in mehreren Werken („Air Raid. The Bombing of Coventry“ 1940, London 1976 sowie „The Bombers“, London 1983). Auch wenn die nicht beabsichtigte Zerstörung der Kathedrale damals von der britischen Führung zu Propagandazwecken ausgeschlachtet wurde. Britische Regierungsmitglieder bezeichneten tags darauf den deutschen Luftangriff auf Coventry als den bis dahin schwersten auf das Herz der britischen Kriegsindustrie. Der Kanonikus an der Kathedrale, Paul Oestreicher, schrieb noch 1995 im Observer: „Wenn Krieg ‘Krieg’ war, dann war Coventry ein legitimes Bombenziel. Es war das Herz der britischen Rüstungsindustrie.“

Warschau und Rotterdam waren verteidigte Städte im Frontgebiet und konnten nach erfolgloser Aufforderung zur Übergabe nach damaligem Kriegsvölkerrecht – natürlich unter Aussparung von Kirchen, Krankenhäusern, Kulturdenkmälern und so weiter – bombardiert werden. Was den deutschen Luftangriff auf Rotterdam am 14. Mai 1940 betrifft, so wurde ich vor einem Vierteljahrhundert von der Freien Universität Amsterdam zu einem Vortrag darüber eingeladen, in dem ich die obige Auffassung vertrat. Zu meiner Überraschung entspann sich anschließend eine sehr sachliche Diskussion, an deren Ende ein Historiker der Universität Rotterdam zu mir kam und sagte, er teile meine Ansicht, aber auf der Straße dürfe man sie nicht laut äußern.

Angriffe waren legitim

Beide Bombardements – auf Warschau wie auf Rotterdam – erzielten außerdem einen militärischen Vorteil, der größer war als der jeweils angerichtete Schaden, indem sie maßgeblich zur Kapitulation Polens und der Niederlande beitrugen. Das entsprach einem Grundsatz des damaligen Luftkriegsvölkerrechts.

Was Guernika angeht, so war auch dieser Ort im Gefechtsgebiet der Kriegsparteien ein wichtiger Platz auf dem Rückzugsweg der Rotspanier nach Bilbao. Deswegen war eine Brücke über einen nahe gelegenen Fluß und eine Straßenkreuzung in einem Vorort der Stadt Zielpunkt der Bomber der Legion Condor, nicht die Zivilbevölkerung, wie Hermann Hagena in seinem Werk über Werner Mölders nachgewiesen hat.

Arthur Harris, Befehlshaber des britischen Bomber Command, schrieb 1947 in seinem Buch „Bomber Offensive“, daß seine Bomber zur Blockierung des Vormarsches beziehungsweise Rückzuges der Deutschen in Frankreich immer auch die Häuser an wichtigen Straßenkreuzungen in den Städten zerstörten. Anders sei das aus der Luft nicht möglich.

Englische wie amerikanische Historiker, etwa Paul Crook, James S. Corum und der ehemalige Chef des Imperial War Museum, Noble Frankland, bestätigen die Legitimität der deutschen Luftangriffe auf Warschau, Guernika und Rotterdam und daß es der deutschen Luftwaffe zunächst jedenfalls nicht um die Verbreitung von Terror ging. Wenngleich die Hoffnung auf den Zusammenbruch der Bevölkerung durch Luftterror wie bei anderen Kriegsparteien auch mehr und mehr mitschwang. Jedenfalls wurden in allen Luftstreitkräften unvermeidliche sogenannte Kollateralschäden in Kauf genommen.

Große Zielgenauigkeit der deutschen Bombenwürfe

Brennende Gebäude in Rotterdam im Mai 1940 Foto: picture alliance/United Archives/TopFoto
Brennende Gebäude in Rotterdam im Mai 1940 Foto: picture alliance/United Archives/TopFoto

Der deutschen Luftwaffe ging es laut ihrer Druckvorschrift L.Dv. 16 in erster Linie um die Zerschlagung der feindlichen Streitkräfte. Absichtliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung als Regel waren auch völkerrechtlich verboten.

Man entwickelte daher schon vor dem Krieg besondere Zielverfahren. So betont auch Overy immer wieder die – gemessen an der anfangs horrenden Zielungenauigkeit der britischen Bomber – große Zielgenauigkeit der deutschen Bombenwürfe. Nach einem Vortrag im Royal Air Force Club in London sagte mir einmal ein englischer Luftmarschall dasselbe.

Dagegen weigerte sich das Bomber Command der Royal Air Force in den Vorkriegsjahren, eine Ausbildung in wissenschaftlichen Zielverfahren anzunehmen, wie Reginald Victor Jones von der Universität Aberdeen – im Krieg Chef des wissenschaftlichen Nachrichtendienstes der Royal Air Force – 1988 in einem Vortrag in Freiburg ausführte.

Bomben, um die Moral zu brechen

Die teils auch bewußte Ungenauigkeit der englischen Bombenwürfe hing aber nicht nur mit der technischen Unvollkommenheit des damaligen Bomber Command zusammen, sondern auch damit, daß spätestens seit der Dienstvorschrift „Air Publication“ von 1928 das primäre Ziel der britischen Bomber die gegnerische Moral – also die Zivilbevölkerung – sein sollte, durch deren Demoralisierung man am ehesten einen Zusammenbruch des Gegners erwartete. Ein Irrglaube, wie sich zeigen sollte, dem aber auch die deutsche Luftwaffe zeitweise unterlag.

In den Wohngebieten sollten vor allem die Arbeiter getroffen werden, die in den Fabriken die Waffen herstellten. Militär, Wirtschaft und Industrie rangierten weit dahinter. In den Zwischenkriegsjahren wurden aufrührerische Mandatsvölker durch sogenanntes Air Policing – also Bekämpfung aus der Luft – wieder fügsam gemacht. Das war kostensparender als die wochenlange Entsendung von Bodentruppen zu diesem Zweck.

Nach der deutschen Luftkriegsdoktrin waren unterschiedslose Bombardements nur als Repressalie im völkerrechtlichen Sinne erlaubt. In einer englischen Regierungserklärung vom 18. April 1941 hieß es hingegen, man führe keine Repressalienbombardements. Die englische Luftkriegführung sei Teil der regulären Kriegführung, wie sie von der Regierung vorgeschrieben sei. Hätten sich nämlich die Engländer auf das Instrument der Repressalie eingelassen, dann hätten sie ihre Bomberoperation einstellen müssen, sobald die Deutschen mit ihren Luftangriffen auf Ziele in England aufhörten.

Schwarz-Weiß-Denken

Nun war für sie aber der Bombenkrieg das einzige Mittel, um Deutschland direkt anzugreifen. Schwankten die Engländer in den ersten Kriegsjahren aus vielerlei Gründen (militärische Lage, politische Gesichtspunkte, aber auch moralische Bedenken) hinsichtlich der vollen Anwendung ihres Bombenkriegskonzeptes gegen die Zivilbevölkerung des Gegners, griff – so Overy, der auch die Leistungen der deutschen Zivilbevölkerung unter den Bomben anerkennend hervorhebt, – das britische Bomber Command ab 1942 bewußt und mit Vorzug deutsche Bevölkerungszentren an und nahm bis Kriegsende so gut wie keinen Abstand davon.

Es scheint also heute so zu sein, daß uns Historiker der ehemaligen Gegner-Nationen, wie beispielsweise Christopher Clark hinsichtlich des Ersten Weltkrieges, zu sachlich-realistischem und ausgewogenem Denken über uns selbst zurückführen müssen. Sind doch manche unserer Historiker und Politiker noch befangen in idealistisch-ideologischem und 150prozentigem Schwarz-weiß-denken. Wir Deutschen haben unsere Schuld im Zweiten Weltkrieg bekannt und sollten aufhören, Schuld auch dort zu suchen, wo im internationalen Vergleich keine war.

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Dr. Horst Boog war leitender wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg sowie Mitglied der Dresdner Historikerkommission.

US-Bomber 1944 Foto: picture alliance/akg-images

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