Schrammen am ewigen Opfermythos

Der aktuelle Kinofilm des polnischen Großmeisters der Filmkunst, Andrzej Wajda, ist vergangene Woche für den Oscar nominiert worden: „Katyń“ – Chiffre für das Kriegsverbrechen des NKWD-Mords an weit über 20.000 Offizieren der bereits besiegten polnischen Armee und bis heute lebendig im kollektiven Bewußtsein.

Die Wanderausstellung „Größte Härte … Verbrechen der Wehrmacht in Polen September Oktober 1939“, vom Deutschen Historischen Institut Warschau (DHI) und dem polnischen Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) erarbeitet, macht seit drei Wochen Station in der Stadtbibliothek von Landsberg an der Warthe (Gorzów Wielkopolski).

Film und Ausstellung, wie unterschiedlich im Genre und Wahrheitsgehalt, sind Balsam für die polnische Seele, bedienen sie doch den Mythos vom großen Opfergang des polnischen Volkes im 20. Jahrhundert, scheinbar eingekeilt zwischen Deutschen und Russen.

Daß das sorgfältig tradierte Bild der Wirklichkeit nicht standhält, setzt sich in der polnischen Gesellschaft nur sehr zaghaft und unter starken Abwehrreflexen durch. In jüngster Zeit brachte der polnisch-amerikanische Soziologe Jan Tomasz Gross mit den Büchern „Nachbarn“ und „Angst“ den viel verdrängten Antisemitismus in Polen der Öffentlichkeit ins Bewußtsein.

Die kürzlich gemachten Entdeckungen im pommerschen Swinemünde (Świnoujście) demontieren weiter die Selbstdarstellung der stets nur „Für Eure und unsere Freiheit“ kämpfenden Polen. In dem schwerzerstörten Ostseebad, zu etwa gleichen Teilen auf Usedom und Wollin gelegen und im harten ersten Nachkriegswinter 1945/46 vom Festland abgeschnitten, beraubten, mordeten und vergewaltigten polnische Miliz- und Staatssicherheitsleute unbehelligt von ihrer Zentrale deutsche Zivilisten.

<---newpage---> Dantische Szenen im provisorischen Arrest

Die Stettiner Zweigstelle des IPN vermutet nach Archiv-Recherchen unter dem asphaltierten Sportplatz einer Sonderschule ein Massengrab mit mindestens vierzig der Ermordeten. Paweł Skubisz, Historiker am IPN, sprach im Interview mit dem in Stettin erscheinenden Kurier Szczeciński von „wahrhaft dantischen Szenen“, die sich im provisorischen Gefängnis des Kreisamts für Öffentliche Sicherheit (PUBP) abgespielt hatten.

Mehrere zehntausend Deutsche hätten damals noch in Swinemünde gelebt, dessen Verwaltung im Herbst 1945 von den Sowjets an polnische Stellen übergeben wurde. Sie waren schutzlos den Organen der Volksmiliz (MO) wie des Sicherheitsdienstes ausgeliefert, die sich für einige Monate zu Herren über Leben und Tod machten.

Unter willkürlichen Anschuldigungen wurden Deutsche verhaftet, mißhandelt und umgebracht, andere verhungerten im Gewahrsam oder starben an Krankheiten. Eine Frau kam in den Arrest im ersten Stock des heutigen Schulgebäudes, weil sie Streit mit einer Polin hatte, berichtete Skubisz.

Später quälten Funktionäre der Staatssicherheit die Frau zu Tode. Gut untersucht seien die Vorfälle in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar 1946, während der allein fünf Gefangene bestialisch ermordet wurden. Dabei soll sich besonders der örtliche Chef des PUBP, Jan Sołtyniak, mit Grausamkeiten hervorgetan haben.

Eine 16jährige Deutsche hatte er vergewaltigt und mit Syphilis angesteckt. Medizin gab es nicht. „Man entledigte sich des ‘Problems’ durch einen Schuß in den Hinterkopf auf dem Hof des PUBP“, so Skubisz. Etwa dreißig Deutsche seien auch unter dem Vorwurf der Tätigkeit in der gefürchteten NS-Partisanenorganisation „Werwolf“ festgesetzt worden.

<---newpage---> „Lächerlich niedrige“ Haftstrafen

Durch Folter erzwang man ihre Geständnisse. „Heute ist es schwer, eindeutig festzustellen, ob es so eine Gruppe tatsächlich gegeben hat“, äußerte der IPN-Experte in besagtem Interview. „Persönlich ist mir die These näher, daß der Werwolf in Swinemünde nur eine Erfindung der Beamten war.“ Das Treiben nahm erst ein Ende, als mit dem März-Tauwetter der Vorgesetzte der Volksmiliz aus Köslin zu einem Kontrollbesuch anrückte.

Józef Zając „traf ein furchtbares Durcheinander an“. Akten wurden nicht geführt – was es heute erschwert, die Zahl der Inhaftierten zu bestimmen. Die polnische Militärstaatsanwaltschaft ermittelte und verurteilte sieben Angeklagte zu „lächerlich niedrigen“ Haftstrafen: Der Haupttäter Sołtyniak mußte für vier Jahre hinter Gitter, doch nur, weil er noch einen Waggon Kartoffeln unterschlagen hatte, informierte Skubisz.

In den 1990er Jahren wurden bei Erdarbeiten auf dem Sportgelände einige Skelette gefunden – Ermittlungen schlug die Staatsanwaltschaft damals rasch nieder. Das Institut des Nationalen Gedenkens will jetzt das Verbrechen neu aufrollen. Zwei Artikel der linksliberalen Gazeta Wyborcza berichteten im Januar ungeschminkt („Sie brachten die Deutschen aus Rache um“) und detailliert vom Krieg nach dem Krieg in Swinemünde. Mehrere Zeugen meldeten sich daraufhin beim IPN.

Im Frühling sollen voraussichtlich die Grabungsarbeiten nach den Leichen beginnen – den Leichen im polnischen Geschichtskeller.

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