Die Wiederkehr des friesischen Humboldt

Zu seinem hundertsten Todestag, dem 12. August 2008, wurde der Philosoph und Pädagoge Friedrich Paulsen gleich vierfach geehrt. Zum einen dadurch, daß der 1938 in den USA veröffentlichte zweite Teil seiner Autobiographie, nun vereint mit den 1909 publizierten Erinnerungen an seine „Lehr- und Wanderjahre“, endlich auf deutsch erschienen ist und — mit Unterstützung der Kieler Landeszentrale für politische Bildung — im Nordfriisk Instituut in Bredstedt vorgestellt wurde. Ferner griff Nordelbiens spendabelster Mäzen, Optik-Mogul Günter Fielmann, in seine Schatulle, um für die Bredstedter Friesenkundler das Memoiren-Manuskript von den Paulsen-Nachkommen zu erwerben. Drittens durfte dann deren Direktor, der „Friesenhistoriker“ Thomas Steensen, den 1846 nahe Husum geborenen Kleinbauernsohn ganzseitig in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Ausgabe vom 13. August 2008) als zu Unrecht vergessenen Pionier „moderner“ Pädagogik feiern. Und schließlich erkühnte sich Steensen, für das periodisch von schul- und bildungspolitischen Querelen durchzuckte „schönste Bundesland der Welt“ 2008/09 ein „Paulsen-Jahr“ auszurufen, weil vielleicht die Wiederentdeckung seines einst weltberühmten Landsmanns frische Impulse für die unter einer Minusoption wie Ute Erdsieck-Rave (SPD) verkarstete Kulturlandschaft zwischen den Meeren verheißt. Aber wie meistens sonst, geht es auch bei der Aktualisierung des friesischen Humboldt nicht ohne Gewaltsamkeiten ab. Steensen versucht seinen pädagogischen Heros nämlich als nonkonformen Bildungsreformer zu verkaufen, der quer zum Zeitgeist der wilhelminischen Epoche gelegen habe. Wer um 1900 irgendwie „dagegen“ war, gegen „Obrigkeit“, „Autorität“ oder „Nation“, so insinuiert der geistesgeschichtlich unbedarfte, an der Pädagogischen Hochschule Flensburg lehrende Regionalhistoriker, empfehle sich allemal als Leitfigur neudeutscher „Weltoffenheit“. Zumal Steensen Paulsen nicht nur als Kritiker des „übersteigerten Nationalismus“, sondern auch als Vorreiter der „Vereinigten Staaten von Euro-pa“ zu loben weiß. Und als Verfechter eines demokratisierten Schulsystems, als Wegbereiter der „heutigen Berufsschule“, sowie, was Steensen am meisten verzückt, „der politischen Bildungsarbeit in Deutschland“. Betrachtet man Leben und Werk Paulsens jedoch genauer als sein Bredstedter Laudator, fällt auf, wie hier im präsentistischen Übereifer eher Nebenaspekte herausgekehrt werden. Dabei bedarf es nicht einmal eines Hinweises auf jene von Steensen unterschlagenen „Vorurteile“, die die Herausgeber des Paulsen-Briefwechsels mit dem Eiderstedter Ferdinand Tönnies (1855—1936), dem Mitbegründer der Soziologie in Deutschland, 1961 schon „schwer verständlich“ fanden: die „antisemitischen“ nämlich. Die fielen bei Paulsen, der in Berlin seine akademische Karriere begann, als der von Heinrich von Treitschke ausgelöste „Antisemitismus-Streit“ hochkochte, zeitlebens zwar „moderat“ aus, da er die „Lösung der Judenfrage“ in der „vollständigen Assimilierung“ erblickte. Aber 2008 würde ihn die von Henryk M. Broder & Co. olympiaverdächtig geschwungene „Antisemitismus“-Keule gleichwohl mit voller Wucht treffen. Dafür genügte schon eine Feststellung wie: „Ist das Antisemitismus“, wenn die europäischen Nationalitäten das gesellschaftliche Vordringen der Juden „als eine sich langsam vorbereitende Fremdherrschaft empfinden, so kann ich ihn nicht unberechtigt finden“ („System der Ethik mit einem Umriß der Staats- und Gesellschaftslehre“, zuerst 1889). Ausbildung von Ingenieuren anstelle von Altphilologen Mit der Europa-Euphorie des Nordfriesen war es im übrigen auch nicht weit her. Denn dem sozialreformerisch gesonnenen Nationalliberalen Paulsen war das neugegründete Deutsche Reich, dessen „Ideale“ und „Werte“ er — nach rascher Selbstbefreiung von karrierehemmenden „skeptizistischen“ Anfängen unter dem Einfluß angelsächsischer Empiristen — als Berliner Professor verteidigen zu müssen glaubte, „realpolitisch“ doch weit lieber als die von ihm belächelten Verstiegenheiten des „vaterlandslosen“ Kosmopolitismus. Ebenso legitimierte er den Status quo der konstitutionellen Hohenzollern-Monarchie, da nur sie das Volk vor der von Klasseninteressen beherrschten Volksvertretung schützen könne. Solch „nationaler Verantwortung“ wußte sich auch sein Bildungsbegriff verpflichtet. Denn Paulsen wurde nicht deshalb zum Kritiker des Humanistischen Gymnasiums, weil er eine „ständisch“-elitäre Erziehungsbastion schleifen wollte, sondern, darin völlig einig mit seinem obersten Dienstherrn Wilhelm II., weil die aufstrebende deutsche Industrienation keine Altphilologen, sondern Ingenieure benötigte. Soweit wie sein Einsatz für das alternative, mathematisch-naturwissenschaftlich orientierte „Realgymnasium“ demokratisierende Effekte in Kauf nahm, paßte ihm auch dies ins nationalliberale Konzept. Immerhin entschärfte der Abbau der Bildungsschranken den Klassenkampf, festigte die nationale Einheit und grub damit der von ihm ganz und gar nicht geschätzten Sozialdemokratie das Wasser ab. Mit der Egalisierung sollte es allerdings auch nicht zu weit gehen: Der Jugend- und Frauenbewegung zeigte Paulsen die kalte Schulter, die Anfänge des Frauenstudiums an preußischen Universitäten, die er nur wenige Jahre erleben mußte, weckten keine Begeisterung bei ihm, und der sich sammelnden „Reformpädagogik“, der immerhin bis 1968 erziehungspolitisch eine respektable Zukunft gehören sollte, begegnete er mit Unverständnis. Also weder als antiwilhelminischer Bildungstheoretiker noch als pädagogischer Neuerer „trägt“ der Mann, dessen populäre „Einleitung in die Philosophie“ (1892) bis 1929 sagenhafte 42 Auflagen erlebte und in viele Weltsprachen übersetzt wurde, heute ein „Paulsen-Jahr“. Was von ihm bleibt, und das ist keineswegs geringzuschätzen, ist seine titanische „Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart“ (1885), die sehr anschaulich erzählt, warum Deutschland in versunkener Zeit einst als „Land der Dichter und Denker“ erblühen konnte. Thomas Steensen und Ute Erdsieck-Rave sei die Lektüre ans Herz gelegt. Friedrich Paulsen (1846—1908): Der große Gelehrte war weder antiwilhelminischer Bildungstheoretiker noch pädagogischer Neuerer

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