Ein zweites Katyn

Östlich von Kiew, im Wald von Bykownia, wurden Ende Juli vom Thorner Archäologen Andrzej Koła Gräber von polnischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Bei Kołas Exhumierungen wurden in einem Massengrab bei sechzig Menschen Einschüsse in den Hinterkopf sowie Uniformenreste und Knöpfe der polnischen Armee sowie eine Identifikationskarte eines 1940 bei Białystok vom sowjetischen Geheimdienst NKWD inhaftierten polnischen Soldaten nachgewiesen. Diese Funde und ergänzende Recherchen polnischer Historiker lassen auf die etwa 3.500 noch vermißten Polen aus der Zeit von 1940 schließen. Bisher gab es in Bykownia Schwierigkeiten, die vielen Opfer in den über hundert Massengräbern genau zuzuordnen. Bis heute wurde keine Exhumierung vorgenommen. „Niemand ist in der Lage einzuschätzen, wie viele Opfer in Bykownia liegen. Historiker schätzen die Anzahl der Begrabenen auf bis zu 300.000 Menschen“, sagte Jewhen Swerstiuk, Chef des ukrainischen Pen-Clubs und Sowjetdissident, der sich als einer der ersten nach 1989 mit dem Andenken an die Opfer von Bykownia beschäftigt hatte. In dem etwa fünf Hektar großen Wald sind jetzt von der ukrainischen Gedenkorganisation „Memorial“ und von Angehörigen der unzähligen Opfer aus der Zeit der stalinistischen „Säuberungen“ in den dreißiger Jahren einige symbolische Grabhügel sowie ein Kreuz angelegt worden. In der Sowjetzeit riefen schon Gedenkkerzen in Nähe des Waldes schnell den KGB auf den Plan. Wegen der eventuell zutage tretenden Leichenreste im Erdreich mußte man in den siebziger Jahren auch von dem Plan Abstand nehmen, einen großen neuen Busbahnhof bei Bykownia zu bauen. Der Leiter der von der polnischen Regierung ernannten Ermittlungskommission, Andrzej Przewoźnik, weist darauf hin, daß weitere Grabungen bis in den Herbst andauern werden. „Wir wollen hundertprozentige Sicherheit darüber haben, wo sich die polnischen Gräber befinden, um sie ordentlich zu dokumentieren“, wird Przewoźnik in der Warschauer Gazeta Wyborcza zitiert. „Wie der Rat zum Schutze des Gedenkens an Kampf und Martyrium sagt, liegen in Bykownia vermutlich jene 3.435 Personen, deren Namen auf der ukrainischen ‚Katyn-Liste‘ zu finden sind.“ Diese auf sowjetische Dokumente fußende Liste wurde 1994 offiziell von der Ukraine an Polen überreicht. Nach dem Angriff der Roten Armee vom 17. September 1939 auf Polen im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes nahmen die sowjetischen Besatzer in Ostpolen etwa 14.500 Offiziere und Soldaten gefangen. Mindestens weitere 10.000 Zivilisten – meist Intellektuelle, Beamte und Juristen – wurden von der NKWD festgenommen und deportiert. Auf Befehl Stalins wurden sie anschließend getötet. Ort der Hinrichtungen war vor allem Katyn in Rußland, wo deutsche Truppen im Februar 1943 die Massengräber entdeckten. Die Sowjetunion machte lange Zeit die Wehrmacht für die Tötungen verantwortlich, so auch bei den Nürnberger Prozessen 1946. Erst der spätere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow gestand im April 1990 die Verantwortung der Sowjetunion ein. Die 14 Jahre andauernden Untersuchungen der obersten russischen Militärstaatsanwaltschaft wurden jedoch am 21. September 2004 aufgrund Verjährung eingestellt. Die vom polnischen Institut der nationalen Erinnerung geforderte offizielle Opferrehabilitierung lehnte Moskau im März 2006 „aus formalen Gründen“ ab, was die bilateralen Verstimmungen zusätzlich beförderte.

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