Mehrfach geflohen

Ich habe das Kriegsende gleich dreimal erlebt, am 28. April 1945, am 1. Mai 1945 und wohl auch abschließend am 8./9. Mai 45. Das Kriegsende erlebte ich als Soldat in Mecklenburg. Als ich am 28. April von einem Meldegang zu meiner Einheit in vorderster Linie unterwegs war, kamen mir auf halbem Wege flüchtende Landser mit dem Schreckensruf entgegen: „Die Panzer sind durch! Die Panzer sind durch!“ Damit war ich ein Versprengter. Von meiner Einheit habe ich nie wieder jemanden gesehen. Aber mit 18 Jahren glaubte ich an den Endsieg und suchte Anschluß an die kämpfende Truppe. Über ein freies Feld – querfeldein wandernd – erkannte ich auf einer Landstraße eine Einheit in geschlossener Formation, leider waren es die Russen. Am liebsten hätte ich mich wie ein Maulwurf in die Erde vergraben, leider war auch ich bereits erkannt worden und drei Rotarmisten mit der Kalaschnikow im Anschlag kamen mir entgegen. Als erstes wollten sie meine Uhr, als zweites mußte ich meine Stiefel ausziehen. Der Russe, dem meine Stiefel paßten, ließ seine abgelatschten Stoffstiefel stehen, die ich notgedrungen angezogen habe. Als ich dann aufstand, sah ich ein leichtes Erschrecken in den Gesichtern der drei Russen, die erst jetzt entdeckten, daß ich am Koppel eine Pistole trug. Die drei machten also reichlich Beute, meine Uhr, meine Stiefel, meine Pistole. Im Straßengraben kauernd wuchs die Zahl der Gefangenen bis zum Abend wohl auf mehr als hundert Landser. Zu unserer Überwachung blieb ein Panzer auf der Straße, auf dem Panzer saß ein schlitzäugiger Mongole und spielte auf einer Ziehharmonika eine nicht enden wollende orientalische Melodie. Ich glaubte, ich hätte einen schlechten Traum – leider war es Wirklichkeit. Am nächsten Vormittag wurden wir zu einem Dorf geführt und wurden uns selbst überlassen. Die Einwohner waren geflüchtet, alle Kameraden suchten etwas Eßbares, aber ich suchte Zivilkleidung. Mit einem Sommerhemd und einer kurzen Hose, zog ich mich auf den Spitzboden zurück und „kleidete mich neu ein“. Natürlich oben drüber meine alte Uniform. Am nächsten Tag, es war jetzt der 1. Mai und die meisten Russen leicht angetrunken, marschierten wir zu einem Gutshof. Unbemerkt konnte ich mich dort während der Essensausgabe in einer Strohmiete verbergen. Nach Einbruch der Dunkelheit robbte ich bis zum nächsten Knick, zog meine Uniform aus und wanderte in Sommerhemd und kurzer Hose durch die kühle Maiennacht. Ich war frei! Sehr bald merkte ich, daß ich eigentlich vogelfrei war. Überwiegend wanderte ich an Eisenbahnschienen entlang durch Mecklenburg in Richtung Schwerin. Von Bahnwärtern hörte ich, der Führer ist gefallen, Regierungssitz ist Flensburg und Kapitulationsverhandlungen werden geführt. Am 8./9. Mai sah ich die Silhouette von Schwerin, das herzogliche Schloß deutlich vor mir, aber wußte auch, daß in Schwerin bereits die Amerikaner waren. Bei Tag über die Demarkationslinie zu gehen erschien mir unmöglich und bei Nacht tödlich. Eine Entscheidung brauchte ich aber gar nicht zu treffen, denn auf den Bahngleisen stand ein Güterzug – wie sich herausstellte ein Behelfslazarettzug – die Lok war weg, das Begleitpersonal war weg, alle die laufen konnten, waren auch weg, zurückgeblieben waren nur die Schwerverwundeten, und die hatten Durst und niemand, der sie versorgen konnte. Also habe ich etwa ein bis zwei Stunden Wasser herangetragen, bis eine Streife Rotarmisten mich kassierte und in einen Hühnerstall sperrte, aus dem ich ohne große Probleme bei Dunkelheit wieder flüchten konnte. Selbstverständlich empfand ich die Ereignisse von damals nicht als Befreiung, sondern als Niederlage. Nachdem ich dann in den fünfziger Jahren nach Kalifornien auswandern konnte, bemerkte ich erst zehn Jahre nach Kriegsende den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie und aus heutiger Sicht kann ich verstehen, daß man heute den 8. Mai auch als Tag der Befreiung betrachten kann. Sigurd Kulikowsky, Zarpen

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