Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ein Ehrenwort

Am 8. Mai erreichte meine Panzerdivision, die inzwischen in kleine Kampfgruppen aufgeteilt war, ohne Verluste die Moldau. Ein tschechischer Offizier versuchte, uns aufzuhalten: „Die Amerikaner haben befohlen, alle Waffen diesseits der Moldau an die Tschechen abzugeben.“ Mein Verlangen nach Funkverbindung zu den Amerikanern wurde abgelehnt. Also fuhren wir über die Moldau und übergaben Geräte und Mannschaft den zuständigen Amerikanern, ein Vertrauen zu den Tschechen war längst zuvor durch fast tödliche Erlebnisse geschwunden. Schließlich erreichten wir die amerikanischen Truppen. Ein Offizier beruhigte uns: „Mein Ehrenwort, ihr werdet nicht als Gefangene den Russen ausgeliefert, keine Sorge!“ Zwei Tage später wurden wir in Wagen zu Hunderten zur russischen Etappe gefahren. Unterwegs versuchten wir, zu viert zu fliehen. Die Tschechen fanden uns, und lieferten uns sofort den Russen aus, die uns zum Erschießen abstellten. Zu unserem Glück kam nach einiger Zeit ein russischer Offizier vorbei und befreite uns von den auf uns gerichteten Gewehren. Aber dann begann der lange Marsch in russische Gefangenschaft und danach ein Leben oder Sterben in der Sowjetunion. Der Russe schien einfach nicht in der Lage zu sein, die lebensnotwendige Nahrung für die vielen tausend Gefangenen herbeizuschaffen. In den ersten Monaten waren die Einzelgräber der verstorbenen Gefangenen kaum herzustellen: Massengräber mußten genügen. Nach über vier Jahren durften vor allem die Schwachen nach Hause fahren. Die anderen wurden wegen „schwerer Kriegsverbrechen“ in etwa zwei Minuten pro Person zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Einwände des Verurteilten wurden einheitlich mit „Sie haben“, entgegnet. Erst nach Stalins Tod ließ man uns nach Hause. Zuweilen hadert man mit seinem Schicksal: „Wärest Du doch in der Tschechoslowakei geblieben!“ Die Schilderung eines tschechischen Professors, der uns viele Jahre später davon berichtete, daß in einigen Häusern der Prager Altstadt nach dem Krieg Hunderte Deutsche – vor allem Soldaten – sinnlos ermordet wurden, läßt an diesen Gedanken Zweifel aufkommen. Helmut Schneider, Kreuztal

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