Beschlagnahmt

Als am 8. Mai, einem sonnigen Frühlingstag, Teile der Roten Armee von Frankenberg in Sachsen aus über Ortelsdorf und den Kirschberg in Richtung Lichtenwalde unterwegs waren, wurden wir und alle unsere Nachbarn von Anton Krämer, soweit ich informiert war ein ehemaliges KPD-Mitglied, aufgefordert, etwas einer weißen Fahne Entsprechendes straßeseitig am Haus anzubringen. Vorher hatte mein Vater die Deutsche Wehrmacht im nahe gelegenen Chemnitz verlassen können und war in Zivilkleidung mit uns zu Hause. Kurz vorher war die Flüchtlingsfamilie Martin aus Litzmannstadt (heute Lodz) in Richtung der westlichen Ortsteile von Chemnitz geflohen, die die anglo-amerikanischen Truppen bereits besetzt hatten, um nicht den Russen in die Hände zu fallen. Kurze Zeit später erschienen dann – ziemlich unmilitärisch – die Russen mit ihren mit Pferden bespannten Panjewagen am unteren Ende unserer Straße und bewegten sich in Richtung Rittergut und gräfliches Schloß. Unsere Familie beobachtete den Anmarsch ängstlich vor der Haustür und vom Balkon. Soweit ich mich erinnere erfolgte danach das Treffen mit den russischen Kriegsgefangenen, die im Rittergut untergebracht waren. Kurz danach kam auch die Familie Martin wieder aus Richtung Chemnitz zu uns zurück, da sie dort nirgends unterkommen konnten. Mein Vater ging dann wieder in seine alte Arbeitsstelle, die Deutsche Bank in Chemnitz. Dort führte er bis zu seiner Entlassung Aufräumungsarbeiten durch. Die nächste Begegnung mit den Besatzungssoldaten erfolgte wenig später indem sie unsere Getränke, die sie im Keller vermuteten, plündern wollten. Da wir nicht öffnen wollten, drohten sie unsere äußerst stabile Haustür einzuschlagen. Hier half uns Herr Martin sehr, der sich mit den Russen verständigen konnte. So konnten unsere geringen Weinvorräte und wohl auch zwei Flaschen Sekt, die mein Vater während des Krieges aus Frankreich mitgebracht hatte, ohne größeren Sachschaden von den Russen konfisziert werden. Einige Tage nach dem Zusammenbruch besetzte die Rote Armee das Schloß. Dabei wurden alle beweglichen Einrichtungen von den Besatzern beschlagnahmt und über den Kirschberg in Richtung Frankenberg abtransportiert. Es handelte sich dabei um das gesamte Porzellan, Wertgegenstände und alle Bücher, sowie die Orgelpfeifen der Orgel aus der Schloßkapelle. Die Pfeifen benutzten angeheiterte Besatzungssoldaten, um durch Lichtenwalde zu musizieren. Bei der Räumung des Schlosses war mein Vater im Auftrag der Besatzer als Hilfskraft beteiligt. Gleichzeitig mit der Schloßbesetzung wurde unsere Wohnung im Erdgeschoß unseres Hauses mit allen Möbeln und Inventar für die Kommandantur der Roten Armee des Standortes Chemnitz beschlagnahmt. Der Kommandant, ein Major, mit seinem Burschen, einem Koch und dem Dackel zogen ein. Ausgelassen wurde allabendlich in unserer Wohnung gefeiert. Unsere Möbel waren nach dem Auszug der Kommandantur stark in Mitleidenschaft gezogen und mußten anschließend restauriert werden; so diente beispielsweise unser Kleiderschrank als Hundehütte. Nach einigen Monaten verließ die Kommandantur unser Haus und zog in Chemnitz in der Bahnhofstraße ein, die danach viele Jahre für jede zivile Durchfahrt gesperrt war. Eine besondere Freude bereitete den Besatzungssoldaten, die in unser Haus zum Kommandanten kamen, ein sportlicher Kraftakt, mich – siebenjährig – soweit wie möglich über das Geländer unseres Balkons im ersten Stock zu halten und damit meine Eltern und Großeltern zu erschrecken. Eigenartigerweise kann ich mich nicht erinnern, daß ich dabei große Angst gehabt habe oder weinte. Nach der Besetzung war mein Vater als „Flurschutz“ im Ort eingesetzt, um die Ernte und weidende Tiere vor Plünderungen zu bewahren. Mein Großvater, akademischer Maler, mußte die Soldaten und Generalissimus Stalin porträtieren. Meine Mutter war als Reinigungskraft für die Kommandantur verpflichtet; so hatten wir etwas die Kontrolle über unser Inventar und bekamen manchmal einige Essensreste – besonders an die russische Kohlsuppe kann ich mich noch erinnern. Ekart Schaarschmidt, Waldbronn

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