Und Karl Jaspers hatte doch recht

Die Psychiater haben es wirklich schwer. Wer sorgt schon für ihren Gemütshaushalt? Da gibt es den Partner zu Hause und die Sportsfreunde. Aber sie begreifen nicht die besondere Schwierigkeit des psychiatrischen Berufes am Beginn des 21. Jahrhunderts. Deshalb lädt Hans Stoffels aus der Berliner Schloßpark-Klinik einmal im Monat zum „Psychiatrisch-Psychotherapeutischen Mittwochsgespräch“ ein. Schon die künstlerische Einstimmung läßt die Zielrichtung der Veranstaltung erkennen. Schnell merkt der lauschende Psychiater, daß es hier nicht um die alltäglichen Plagen mit therapieresistenten Depressionen und mangelnder Patientencompliance geht. Zumindest im Vortrag von Michael Schmidt-Degenhard handelt es sich zentral um ihn, den Psychiater selbst und seine moderne Zerrissenheit. Einige allerdings fühlen sich in ihrem Fach wie Fische im Wasser und genießen die derzeitige wissenschaftliche Entwicklung. Das sind jene Kollegen, die schon in der Schule in Chemie und Biologie immer eine Eins hatten, denen aber im Deutschaufsatz nicht das geringste einfiel. Sie haben Medizin studiert, weil sie das für eine Naturwissenschaft hielten, und sind entschlossen, auch die Psychiatrie in eine lupenreine Naturwissenschaft zu verwandeln. Solche Typen, erklärt der Referent, möchten die aufgrund von Exploration und Beobachtung gestellte klassische Diagnose vollkommen abschaffen und statt dessen eine exakte Skala des Verrücktseins anhand von Laborwerten, Hirnbildern und Genkonstellationen aufstellen. Was würde das aber bedeuten? Es würde bedeuten, daß die Psychiatrie sich vom neurologischen Ansatz nicht mehr prinzipiell unterschiede und der Psychiater zu einem ganz normalen Facharzt würde. Wer dies anstrebt, ist zum „Mittwochsgespräch“ wahrscheinlich gar nicht erschienen. Daher hat Schmidt-Degenhard alle Sympathien auf seiner Seite, wenn er mit vielen Zitaten aus Existenzphilosophie, Psychologie und Hermeneutik einkreist, was die Psychiatrie außer einem Dienstleistungsservice noch zu bieten hat. Vor allem gewährt sie eine „Begegnung mit dem Fremden“, die möglichst „solidarisch“ zu gestalten ist. Denn nur so profitiert der Psychiater von den Seltsamkeiten seiner Patienten auch über das Honorar hinaus. Wer aufs Honorar aus ist, wird meist nicht Psychiater. Es sind eher die Sensiblen und selbst Störanfälligen. Wie in dem Film „Don Juan del Marco“ mit Johnny Depp als Irrem und Marlon Brando als Psychiater: Ohne die Inspiration durch seinen Patienten, der sich für die Wiederverkörperung Don Juans hält, wäre Brando nie auf den Gedanken gekommen, seiner Ehefrau mal wieder Blumen mitzubringen. So hat selbst der Partner etwas von der Erhaltung klassischer psychopathologischer Kategorien. Bildgebende Verfahren mögen präzise und aufschlußreich sein – aber sie ersetzen keine verrückten Ideen.

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