Preußische Prägungen im moralischen Zwielicht

Für einen Beteiligten am 20. Juli 1944 enthält der Lebensweg des Offiziers Hans-Alexander von Voß geradezu prototypische Elemente. Preußischer Offizierssohn, Jahrgang 1907, als Schüler natürlich im Jungnationalen Bund, der im Geist der Jugendbewegung konservativ und revolutionär zugleich sein wollte. Die militärische Karriere führt ihn 1942 in den Stab der Heeresgruppe Mitte, was einer alten freundschaftlichen Verbindung zu Henning von Tresckow geschuldet war. In diesem Umfeld wurde Voß in die Planungen zur Beseitigung des obersten Befehlshabers der Wehrmacht einbezogen. Als es zu Stauffenbergs Attentat kam und Tresckow sich einen Tag später erschoß, mußte Voß selbst den langen Arm der Gestapo fürchten. Doch dürften Kaltenbrunners Ermittler auch drei Monate danach noch nicht auf die Fährte des Oberstleutnants gekommen sein. Gleichwohl von der Ungewißheit zermürbt, setzte Voß im November 1944 während eines Urlaubs im Kreis Lebus seinem Leben selbst ein Ende. Gerhard Ringshausen erzählt diese Lebensgeschichte aufgrund von Familienpapieren aus dem Nachlaß der erst 2001 verstorbenen Witwe Gisela von Voß. Sein einfühlsames Porträt eröffnet das Themenheft der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (3/04) zum 60. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler. Dies ist um so erstaunlicher, da die von Wertungen freie Herausarbeitung der „preußischen Prägung“ dieses Offiziers in der aktuellen historiographischen Diskussion schon anachronistisch wirkt. Denn im gleichen Heft bietet der Münchner Militärhistoriker Johannes Hürter einen viel zeitgemäßeren Beitrag, wenn er sich wieder einmal den „Verstrickungen“ der Männer um Tresckow in den „Vernichtungskrieg“ an der Ostfront zuwendet. Hürter wartet mit neuen Dokumenten auf, um eine frühe Gleichgültigkeit des Heeres gegenüber den Praktiken der Einsatzgruppen von SS Polizei und SD und die Mitverantwortlichkeit der Wehrmacht an deren Verbrechen zu belegen. Tatsächlich bestätigen die Dokumente nur, daß man in der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1941 über das Vorgehen der Einsatzgruppe B, die Liquidierungen von Juden und anderen politisch verdächtigten Personen, gut unterrichtet war. Was Hürter damit beweist, ist allerdings seit langem bekannt und gehört mittlerweile zum Grundwissen über die Frühgeschichte des militärischen Widerstands. Man wird daher den Verdacht nicht los, als wolle Hürter im Stile Christian Gerlachs nur noch einmal aus aktuellem Anlaß die Gelegenheit zu einer moralischen Diskreditierung der „Fronde“ zu nutzen. Vor allem Rudolf-Christoph von Gerdorff, dessen Erinnerungen „Soldat im Untergang“ (1977) das Profil der Tresckow-Gruppe für die Nachlebenden lange bestimmten, erscheint hier als Legendenfabrikant. Denn von den Massenmorden hinter der Front hätten er und seine Offizierskameraden nicht nur „frühzeitig und in bisher unbekanntem Umfang“ gewußt. Schlimmer noch sei, daß ihre antisemitische Konditionierung dazu geführt habe, daß sie die „gezielte Beseitigung von Juden“ nur als militärische Notwendigkeit gewertet hätten.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles