Kein Erinnerungsort nirgends

Im Sommer 1944 senkte sich Endzeitstimmung über Deutschlands östlichste Provinz. Hans von Lehndorff hat sie im „Ostpreußischen Tagebuch“ in klassische Sätze gefaßt. Noch nie vorher sei „das Licht so stark, der Himmel so hoch, die Ferne so mächtig gewesen. Und all das Ungreifbare, das aus der Landschaft heraus die Seele zum Schwingen bringt, nahm in einer Weise Gestalt an, wie es nur in der Abschiedsstunde Ereignis zu werden vermag“. Wie aber sah die militärische Lage aus? Am 22. Juni hatte die Rote Armee ihre Großoffensive eingeleitet. Die Heeresgruppe Mitte wurde zertrümmert, die Ostfront entblößt. Aus dem Memelland setzten sich erste Flüchtlingstrecks in Marsch. Der Wehrmacht gelang es, die Front auf einer Linie vom Peipussee vorbei an der Ostgrenze Ostpreußens bis zur mittleren Weichsel zu stabilisieren. Bereits im August drängte der Oberbefehlshaber der 4. Armee, General Friedrich Hoßbach, auf die Evakuierung der Bevölkerung aus den östlichen Teilen Ostpreußens. Doch Gauleiter Erich Koch wollte von einem Räumungsbefehl nichts wissen. So nahm der Schrecken seinen Lauf. Am 16. Oktober 1944 begann auf einer 140 Kilometer breiten Front ein russischer Angriff, der ins Innere der Provinz zielte. Erbitterte Gegenwehr brachte die russische Übermacht ein letztes Mal zum Stehen, doch die Frontlinie lag nun diesseits der Reichsgrenze. Und „was aus einigen vorgeschobenen Orten berichtet wurde, die der Feind nach kurzer Besetzung wieder aufgegeben hatte, ließ das Blut erstarren“ (Hans von Lehndorff). Der Schrecken hatte einen Namen: Nemmersdorf. Das war der äußerste Punkt, bis zu dem die Russen vorgedrungen waren. Unübersehbare gegenwärtige Tendenz zur Verharmlosung Nemmersdorf liegt südlich der Kreisstadt Gumbinnen an der Angerapp. Die Brücke über den Fluß verlieh dem Ort strategische Bedeutung. Am Freitag, den 20. Oktober, herrschte hier Chaos. Flüchtlingstrecks und Miliärtransporte blockierten sich gegenseitig. Ein Räumungsbefehl war nicht erteilt worden, verläßliche Informationen über den Frontverlauf fehlten. Die meisten Bewohner schlossen sich den Trecks an, einige warteten ab. Am 21. Oktober morgens um sechs begann die Beschießung, um 7.30 Uhr drangen sowjetische Soldaten über die Angerapp-Brücke in Nemmersdorf ein. Bei Beginn der Kämpfe hatten sich vierzehn Dorfbewohner und Flüchtlinge in einen Unterstand begeben. Als ein von Flugzeugen unterstützter deutscher Gegenangriff erfolgte, suchten auch russische Soldaten den Bunker auf. Nach dem Abflauen der Kampfhandlungen befahlen sie den Zivilisten – Frauen, Kinder und alte Männer -, den Bunker zu verlassen. Sofort eröffneten sie das Feuer. Nur eine junge Frau überlebte, weil der Kopfschuß, den sie erhalten hatte, durch den Mund wieder heraustrat. Am 23. Oktober gegen 4.30 Uhr zogen die Russen sich auf die andere Seite der Angerapp zurück. Den nachrückenden deutschen Soldaten boten sich Bilder des Grauens. Die dreizehn ermordeten Bunkerinsassen waren nicht die einzigen Toten. Man fand erschlagene Kinder und an Scheunentore genagelte Frauen, zum Teil vergewaltigt. Der Kopf eines Mädchens war gespalten. Am 27. Oktober traf eine internationale Ärztekommission ein. Ihre Untersuchungsergebnisse wurden am 31. Oktober in der Berliner Charité vorgestellt. DerVölkische Beobachter startete eine Artikelserie unter der Überschrift „Das Wüten der sowjetischen Bestien – Furchtbare Verbrechen in Nemmersdorf“. Nemmersdorf sollte zum Fanal des Widerstands werden, doch es wurde zum Menetekel. Als Auftakt zum grausigen Finale des deutschen Ostens spielt Nemmmersdorf in der Vertriebenenliteratur eine überragende Rolle, aber nicht nur dort. Im Buch „Zweierlei Untergang“ (1986) nahm Andreas Hillgruber Nemmersdorf zum Anlaß, die tragische Situation der deutschen Wehrmacht zu veranschaulichen, die der ostdeutschen Bevölkerung „den Fluchtweg nach Westen freizuhalten versuchte“, um sie „vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren“. Der Preis, den sie dafür zahlte, war – neben dem eigenen Blutzoll – die Verlängerung des NS-Regimes. Wegen dieser Sätze wurde Hillgruber im Historikerstreit nach Ernst Nolte das zweite Opfer der Habermasschen Perfidien. Doch auch die heute staatstragende Geschichtsschreibung und Publizistik kann Nemmersdorf nicht gänzlich ignorieren, allerdings ist die Tendenz zur Verharmlosung unübersehbar. Goebbels kam in seinem Tagebuch viermal namentlich auf Nemmersdorf zurück. Am 3. November 1944 notierte er: „Im übrigen leisten die Sowjets sich den schaurigen Scherz, ihre von uns festgestellten Greueltaten in Ostpreußen als deutsche Erfindung zu bezeichnen und darüber hinaus zu behaupten, daß wir Zivilisten (…) selbst erschießen lassen, um Tote für die Wochenschau zu haben.“ Sie würden eben von sich auf andere schließen. Die russische Taktik war aber wirkungsvoll. Das britische Außenministerium machte sich die Darstellung zu eigen, und noch die US-Ankläger im Nürnberger Prozeß hielten die Nemmersdorf-Berichte für gefälscht („faked“). Die Protokolle der internationalen Untersuchungskommission sind verschollen, nur die Fotos blieben erhalten. Allerdings hat der amerikanische Historiker Alfred M. de Zayas unter anderem mit dem Stabschef der 4. Armee, Generalmajor Erich Dethleffsen, gesprochen, der ihm den Inhalt des Untersuchungsberichts ausdrücklich bestätigte. 1997 veröffentlichte der Hobbyhistoriker Bernhard Fisch das Buch „Nemmersdorf, Oktober 1944“. Fisch, selber Ostpreuße, war im Oktober 1944 nach Nemmersdorf abkommandiert worden. Fünfzig Jahre später befragte er überlebende Zeugen und überprüfte die vorliegenden Berichte und Darstellungen. Leider hatte Fisch, der nach dem Krieg in Thüringen als Russischlehrer gearbeitet hatte und sich für die „deutsch-sowjetische Freundschaft“ engagierte, den Ehrgeiz, nebenbei die „kalten Krieger“ im Westen zu „entlarven“, was ihn zu abstrusen Schlußfolgerungen verleitete. Doch sein Buch enthält auch aufschlußreiche Details. Er wies nach, daß sich in einigen der Nemmersdorf-Berichte Erlebtes und Gehörtes vermischen und die kanonisierte Zahl von 61 Toten die Opfer aus den Nachbardörfern Tutteln und Alt-Wusterwitz mit einschließt. Vor allem hat er den Schriftsteller Harry Thürk – der in der DDR als „Ost-Konsalik“ sehr populär war – befragt. Thürk gehörte zu den ersten Soldaten, die am 23. Oktober 1944 in Nemmersdorf einrückten. Er berichtete: „Ich habe tote Zivilisten auf einem eingefriedeten Misthaufen gesehen. Da lag ein älterer Mann, der hatte eine Mistgabel im Brustkorb stecken. (…) In einem Haus lagen (!) in einer großen Wohnküche eine alte Frau auf den Fliesen. Eine jüngere Frau lag im Hausflur. (…) Dann waren wir in einem Schlafzimmer mit Metallbetten, weiß lackiert. Ein Bett war ganz von Blut durchtränkt. Da lag aber niemand drin. (…) An einem Scheunentor, am rechten Torflügel, war eine Frau angenagelt.“ Er berichtete auch von Überresten eines zerschossenen Trecks. Vor vier Jahren gab er in Guido Knopps Buch „Die große Flucht“ zu Protokoll: „Wir haben ungefähr zwei Dutzend Tote zusammengetragen. Viele wiesen Einschüsse auf und hatten starke Verletzungen im Kopfbereich. Wir fanden auch Frauen verschiedener Altersgruppen, deren Kleidung um den Unterleib herum zerrissen war, zum Teil blutig.“ ZDF: Nemmersdorf teilweise von Deutschen inszeniert Nach der Rezension des Fisch-Buchs in der JUNGEN FREIHEIT (JF 47/97) erhielt die Redaktion den Erlebnisbericht von Joachim Reisch, der im Oktober 1944 zum Genesungsurlaub auf das elterliche Gut in Perkallen gefahren war. Der Haushalt befand sich bei seiner Ankunft bereits in Auflösung, am 20. Oktober ging der Treck ab. Aufgrund der Schreckensmeldungen sei er am 21. Oktober nach Nemmersdorf geeilt und dort gegen 11 Uhr eingetroffen. Das ist unmöglich, da die Russen erst am 23. Oktober das Dorf verließen. In Reischs Erinnerung waren drei Tage auf einen einzigen geschrumpft. Die Überzeugungskraft seines Berichts wird davon nicht tangiert: „Auf den umliegenden Feldern lagen reihenweise Tote, Kinder wie Greise, Mädchen und Frauen geschändet und verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Darunter waren auch zahlreiche Treckflüchtlinge und auch französische Kriegsgefangene. Man berichtete uns von gekreuzigten Frauen an Scheunentoren und einem niedergewalzten Treck“ (JF 8/98). Es wird durch die Aussage Thürks bestätigt. In den folgenden Monaten sollten die Nemmersdorf-Greuel noch überboten werden. Aus Pommern wird von einem Gutsbesitzer berichtet, dem die Arme und Beine abgehackt wurden. Danach warf man ihn noch lebend den Schweinen zum Fraß vor. Lew Kopelew versuchte als Offizier der Roten Armee, die ostpreußische Bevölkerung vor Übergriffen zu schützen. Dafür kam er für Jahre in den Gulag. In seinen Büchern, die zu Sowjetzeiten nur im Westen erschienen, hat er davon berichtet. Welche Haltung nahm die offizielle Sowjetliteratur ein? 1949 erhielt Emanuel Kasakewitsch den Stalinpreis für seinen Roman „Frühling an der Oder“, der mit dem Einmarsch in Ostpreußen beginnt und in Berlin endet. Für die DDR-Ausgabe verfaßte Georg Lukácz ein lobendes Nachwort. Tatsächlich wurden in Ostdeutschland Greuel verübt – nämlich durch deutsche „Spione“ hinter der Front, um die Rote Armee zu diskreditieren. Und die Vergewaltigungen? Es gibt im Roman eine holländische Zwangsarbeiterin, die sexuell so ausgehungert ist, daß sie einem attraktiven sowjetischen Offizier Avancen macht. Er weist sie zurück, weil das mit der Ehre eines Rotarmisten unvereinbar ist. Der Kriegspropagandist Ilja Ehrenburg räumt in seinen Memoiren „vereinzelte Fälle von Vergewaltigungen“ ein, „die uns alle entrüsteten“. Von Morden ist nicht die Rede. Es sei denn, man will folgende Sätze als Allegorie begreifen: „In Rastenburg hieb ein Rotarmist wütend mit dem Bajonett auf eine Schaufensterpuppe ein, die in der Vitrine eines zerstörten Kaufhauses stand. Die Puppe lächelte kokett, er aber stach und stach …“ In der sowjetischen Geschichtsschreibung nimmt Nemmersdorf nur geringen Raum ein, ein wenig mehr in Memoiren von Kriegsveteranen. Sie erwähnen Nemmersdorf lediglich als einen „Bevölkerungspunkt“, als ein strategisch wichtiges Dorf, um das heftig gekämpft und viel Blut vergossen wurde. Nachschlagewerke oder Reiseführer führen Nemmersdorf, das jetzt Majakowskoje heißt, nur im Zusammenhang mit einem Denkmal für sowjetische Soldaten auf, die dort gefallen sind. Andere Informationen kann man nur in übersetzter Literatur bekommen, in Heinz Guderians „Erinnerungen eines Soldaten“ (1951) oder aus dem Buch von Otto Lasch „So fiel Königsberg“ (1976). Zu den Massenvergewaltigungen finden sich ein paar Zeilen bei Solschenizyn, der auf Stalin und Trotzki verweist. Angeblich gebe es eine nicht ganz klare Anweisung Stalins, und Trotzki hätte Massenvergewaltigungen im Bürgerkrieg als Taktik des Klassenkampfes begriffen. Als die sowjetischen Truppen in Ostpreußen einrückten, seien unter ihnen sehr viele Ex-Partisanen aus Weißrußland gewesen, die unter dem Eindruck der deutschen Besatzung besonders brutal zu Werke gingen. Radio Moskau behauptete in seiner deutschsprachigen Abendsendung am 10. und nochmals am 12. März 2000, in russische Uniformen geschlüpfte „SS-Truppen“ hätten deutsche Zivilisten erschossen und traktiert, um Goebbels den Vorwand für eine noch intensivere Durchhaltepropaganda zu liefern. Am 25. November 2001 streute auch Guido Knopp im ZDF die Vermutung, „daß die NS-Propaganda die Verbrechen nicht nur instrumentalisiert, sondern zum Teil auch inszeniert hat“. Wegen der Anwesenheit von SS-Angehörigen am Tatort wird insinuiert: „Haben sie das Schreckensbild von Nemmersdorf entworfen?“ Zum Verhalten der russischen Soldaten wird Gerda Meczulat, die einzige Überlebende aus dem Bunker, befragt: „Die haben sich sonst eigentlich ruhig verhalten. Nicht daß sie uns irgendwie belästigt haben, das haben sie nicht getan“, erinnert sie sich an die Stunden vor dem Massenmord. Eine alte Frau vor laufender Kamera bekunden zu lassen, daß ihre knapp verhinderten Mörder sie nicht „irgendwie belästigt“ haben, ist ein Verfahren, das für sich selbst spricht. Damit soll eine überaus kühne Analogie suggeriert werden: Wenn im Bunker nicht vergewaltigt wurde, dann auch nicht im Dorf. Der ehemalige Soldat Helmut Hoffmann gibt sich gleichfalls überzeugt: „Wenn da geschrieben wurde, es sind Frauen gekreuzigt oder angenagelt worden – das ist ungeheurer Blödsinn. Es ist auch keine Frau vergewaltigt worden. So wie sie dalagen, als sie von den Kameras aufgenommen wurden – das hat man nachträglich gemacht.“ Wahrscheinlich hat Hoffmann etwas durcheinandergebracht. Der Vertreibungs-Dokumentation der Bundesregierung ist zu entnehmen, daß die Leichen zunächst bestattet und für die Ärztekommission wieder exhumiert worden waren. Insofern hat man ihre Präsentation „nachträglich gemacht“. Über das, was sie vor ihrem Tod erdulden mußten, besagt das gar nichts. Es ist bezeichnend, daß der Film die Aussage von Harry Thürk unterschlägt, die man nur aus dem Begleitbuch erfährt: „Erfinden mußten sie (die Goebbels-Propagandisten – Th. H.) das Ganze nicht. Leichen mußten sie auch nicht von woanders herzuholen – die waren da. Man hatte ihnen die Leichen und das, was dort geschehen war, sozusagen auf dem Präsentierteller serviert.“ Deutschland, deine Toten! Nemmersdorf ist eine deutsche Opferstätte, ein symbolischer Ort. Sechzig Jahre danach wartet er noch immer darauf, als solcher erkannt und angenommen zu werden. Fotos: Sowjetische Soldaten überqueren die Reichsgrenze in Ostpreußen: Auftakt zum grausigen Finale Wehrmachtssoldaten besichtigen Opfer sowjetischer Greueltaten in Nemmersdorf, Ende Oktober 1944: Symbolischer Ort Ostpreußen und die Rote Armee, Mitte Oktober 1944: Nemmersdorf sollte zum Fanal des Widerstands werden, doch es wurde zum Menetekel

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