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Entführungen am Brennpunkt des Kalten Krieges

Nach 1945 sind zahlreiche Menschen aus politischen Gründen in Berlin aus den Westsektoren in den Ostsektor oder die Sowjetische Besatzungszone entführt worden. Täter waren zumeist Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR oder von ihnen beauftragte Ganoven aus der Berliner Unterwelt. Oft handelten die Tschekisten in Absprache mit der sowjetischen Führungsmacht, den „Freunden“. Diese sorgten dafür, daß nichts geschah, was die Interessen der Sowjetunion gefährden konnte. Einige Entführungen sind gut erforscht: Walter Linse und Erwin Neumann, zwei leitende Mitarbeiter des Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen, Robert Bialek, vor seiner Flucht nach West-Berlin Generalinspekteur der Volkspolizei, der Journalist Karl-Wilhelm Fricke und andere. Nicht nur Deutsche wurden entführt, auch Ausländer traf die kriminelle Energie der Tschekisten, zum Beispiel Alexander Truschnowitsch, den Sprecher der russischen Exilgemeinde im Westen. Der amerikanische Historiker Arthur L. Smith, Jr. behandelt in einer Veröffentlichung des Bundesarchivs auch diese Fälle. Interessant wird sein Buch vor allem durch den Blick auf die Besatzungsmacht USA. Da Smith gelegentlich auch amerikanische Akten zur Verfügung standen, bringt er manches, was in deutschen Veröffentlichungen vernachlässigt wird. Ein Beispiel ist Otto John. Obwohl es sich bei dem plötzlichen Auftauchen des Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz 1954 im Ostsektor nach Ansicht der Gerichte und der meisten Historiker wohl nicht um eine Entführung handelte, hält Smith den Fall für nicht völlig geklärt. Ihn interessiert die amerikanische Reaktion. Er zitiert den damaligen Außenminister John Foster Dulles, es sei „wichtig, daß John nicht für einen amerikanischen Agenten gehalten wird“. Wie Dulles auf diese Idee kam, kann Smith nicht sagen. Er hält aber für möglich, daß John für den Geheimdienst CIA gearbeitet oder wenigstens Aufträge für die Amerikaner erledigt hat. Smith behandelt nicht nur die Entführungen der fünfziger Jahre. Verhaftungen von West-Berlinern durch Russen gab es bereits 1945. Die Amerikaner störten sich anfangs nicht daran – hatten sie doch im Potsdamer Abkommen mit Stalin einen „automatischen Arrest“ für NS-Belastete verabredet und sich ebenso wie die Sowjets vorgenommen, deutsche Kriegsverbrecher zu bestrafen. Die USA benutzte kundige Deutsche für die Ostspionage So konnten die Sowjets nicht nur in der SBZ, sondern auch in den Westsektoren in weit über tausend Fällen Verhaftungen vornehmen. Erst als sich West-Berliner Lokalpolitiker öffentlich beschwerten, verabredeten die Westmächte mit den Sowjets, daß Aktionen in West-Berlin nur im Beisein ihrer Vertreter durchgeführt werden dürften. In den Jahren 1946/47 war das Verhalten der Amerikaner widersprüchlich. Bei den meisten dominierten antideutsche Gefühle. Sie wurden in automatischem Arrest und Entnazifizierungsverfahren ausgelebt. Den US-Sicherheitsoffizieren wurde aber zu ihrem Schrecken klar, daß sie über den unheimlich gewordenen Verbündeten Rußland gar nichts wußten. Dieses Manko sollte der Aufbau des CIA ab 1947 beheben. Aber wo nahm man Fachleute her, die die Verhältnisse in Osteuropa kannten? Nach Lage der Dinge konnten das vor allem Deutsche sein, die nun ohne Rücksicht auf NS-Belastungen angeworben wurden. Im Fall Hans Kemritz hatte das für zahlreiche Deutsche katastrophale Folgen. Der frühere Abwehroffizier stand seit 1945 im Dienste der Sowjets, denen er viele West-Berliner in die Hände spielte. Als die Amerikaner ihn ebenfalls anwarben, störte sie dieses Doppelspiel nicht. Sie ließen sich die Such-Listen der Sowjets zeigen. Wenn sie an den dort aufgeführten Personen interessiert waren, warnten sie diese. Sonst war ihnen deren Schicksal gleichgültig. Als 1950 von der deutschen Justiz gegen Kemritz ermittelt wurde, griffen die Amerikaner ein und entzogen ihn der deutschen Jurisdiktion – ein Eklat, der eine ernsthafte Belastung der deutsch-amerikanischen Nachkriegsbeziehungen nach sich zog. Letztlich setzte sich der amerikanische Geheimdienst durch und brachte seinen Agenten 1952 in die USA in Sicherheit. Foto: Otto John (M.) angekommen in Ost-Berlin, August 1954: Der „Entführte“ spricht mit dem Präsidenten des Nationalrats der DDR, Erich Correns (r.), und dem DDR-Architekten Hermann Henselmann Arthur L. Smith, Jr: Stadt des Menschenraubs. Berlin 1945-1961, übersetzt von Hermann Graml. Aus: Materialien aus dem Bundesarchiv, Heft 15, Koblenz 2004, 180 Seiten, 11,50 Euro

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